fundevogel: I have a nightmare – redskiesoverparadise

Ein Albtraum.
Ein anderer Albtraum: das Sterben der Geimpften, von Booster zu Booster rasant ansteigend.

Red Skies over Paradise

Prolog

Heute verstoße ich gegen den Etüden-Disclaimer: ich habe die maximale Anzahl von Wörtern überschritten. Es ist meinem Impuls des zivilen Ungehorsams geschuldet. „Gegen wen oder was leistest du Widerstand?“, fragt mich die weibliche Stimme meiner zehntägigen Headspace-Meditation zur Akzeptanz. Ich löcke den Stachel wider die Spaltung der Gesellschaft, wider die Diskriminierung und wider der Repression von Menschen, die eine eigene Entscheidung treffen, nicht leichtfertig, sondern die Risiken für sich und Andere abwägend; Menschen, die sich einer Pflicht beugten, wenn es sie denn gäbe – ansonsten gilt die Freiheit des eigenen Willens. Da kann und darf es keine Akzeptanz geben. – Die Etüde ließe sich leicht zwischen der Verwendung der Wortspenden auf 300 Wörter kürzen, ohne dass es einen Substanz-Verlust gäbe. Mir war es aber wichtig, die „vollständige“ Chronologie des Albtraums wiederzugeben. Die Etüde nimmt dieses Mal also „außer Konkurrenz“ teil.

I have a nightmare.

Schlick, ominös, putzen | abc.etüden

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Predigt über Kain und Abel – 1. Mose 4,1-16a

PREDIGTtext aus der Bibel in gerechter Sprache BIGS 2011

Genesis. Das erste Buch der Tora (1. Mose) 4,1-16a

1 Dann erkannte der Mensch als Mann die Eva, seine Frau; sie wurde schwanger, gebar den Kain und sprach: „Ich hab’s gekonnt, einen Mann erschaffen – mit Adonaj.“
2 Da fuhr sie fort und gebar seinen Bruder, den Abel. Abel wurde ein Viehhirt, Kain aber war Ackerbauer.
3 Nach einiger Zeit brachte Kain von den Früchten des Ackers Adonaj eine Opfergabe dar.
4 Daraufhin brachte auch Abel etwas von den Erstgeburten seiner Herde und von ihren Fettstücken dar. Adonaj beachtete Abel und seine Opfergabe,
5 Kain aber und seine Opfergabe beachtete er nicht. Das ließ Kain aufs Äußerste entflammen, seine Gesichtszüge entglitten.
6 Da sagte Adonaj zu Kain: „Warum brennt es in dir? Und warum entgleiten deine Gesichtszüge derart?
7 Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du – du musst sie beherrschen.“
8 Da wollte Kain seinem Bruder Abel etwas sagen – doch als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und tötete ihn.
9 Adonaj sagte zu Kain: „Wo ist Abel, dein Bruder?“ Der sagte: „Das weiß ich nicht. Habe ich etwa die Aufsicht über meinen Bruder?“
10 Daraufhin: „Was hast du getan? Laut schreit das Blut deines Bruders zu mir vom Acker her.
11 Also: Verflucht bist du, weg vom Acker, der das Blut deines Bruders von deiner Hand geschluckt und aufgenommen hat!
12 Wenn du den Acker weiter bearbeitest, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben. Heimatlos und ruhelos musst du auf der Erde sein.“
13 Da sagte Kain zu Adonaj: „Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden.
14 Doch schau, du vertreibst mich heute vom Antlitz des Ackers, und auch vor deinem Antlitz muss ich mich verbergen und soll heimatlos und ruhelos auf der Erde sein – dann kann jeder mich töten, der mich findet.“
15 Da sprach Adonaj zu ihm: „Also denn: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden.“ Und Adonaj machte ein Zeichen für Kain, so dass nicht jeder ihn erschlagen kann, der ihn findet.
16 So zog Kain los, fort vom Angesicht Adonajs.

Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unsere Herzen. Amen.

Ihr Lieben,

Kain und Abel. Die Geschichte kennen die meisten. Aus der Urgeschichte. Von den Anfängen. Die Schöpfung. Das Licht. Den Tag und die Nacht. Den Himmel und die Erde. Das Wasser und die Erde und das Grüne. Die Sonne, den Mond und die Sterne. Die Wassertiere und die Flugtiere. Das Wild, die Kriechtiere und das Vieh. Schließlich das erste Menschenpaar, Adam und Eva. Den Ruhetag. Den Garten Eden. Und die Vertreibung daraus. Die ersten geborenen Menschen. Der erste Mensch, der stirbt. Der erste Mord. Die erste Sünde. Ein Brudermord.

Kain und Abel. Ich erinnere mich an die Grundschule. Wir bekamen die Aufgabe zu zeichnen. Abels Altar und Kains Altar. Wichtig war der Lehrerin die Gestaltung des Rauchs. Bei Kain wie vom Wind verweht, unruhig und voller Zacken. Bei Abel eine wunderbare aufsteigende Rauchsäule. Gott sieht Abel und sein Opfer. Nimmt es an. Kains nicht. Abels Opfer war das Gott gefälligere, so lernten wir. Viel wertvoller als Kains.

Lange Jahre hielt sich diese Deutung, wohl nicht nur bei mir. Auch im Studium, in der Wissenschaft, wurde weiter nach Gründen gesucht. Es gehe wohl um verschiedene Lebensformen. Ackerbauerkultur und Nomadentum. Doch eigentlich gebe es gar keinen Unterschied zwischen Kain und Abel. Kain habe nichts falsch gemacht. Und Abel habe nichts besser gemacht. Gott handelte einfach so, ohne irgendwelche Gründe.

Lass Euch einladen, der Geschichte etwas auf die Spur zu kommen, indem wir über die Ränder unseres Predigttextes hinausschauen. Schauen, was davor erzählt wird. Und was danach. Das Kapitel zu Ende lesen. Denn: da steht noch etwas! Etwas ganz Wichtiges, Erhellendes. Das Sinn und Tiefe gibt. Auch an unserem Text erst einmal ruhig entlang gehen. Und den Erinnerungen lauschen. Den Erinnerungen von Adam und Kain, von Abel und Eva. Und schließlich ein wenig das Geheimnis lüften können, das sich hinter Gottes Handeln verbirgt, das Geheimnis der Liebe.

Ich erinnere mich“, sagt Adam, „weil ich von dem Baum gegessen hatte, verfluchte Gott den Ackerboden. Nur mit Mühe sollte ich mich von ihm ernähren, mein Leben lang. Mit Dornen und Disteln mich abplagen. Und am Ende zum Ackerboden zurückkehren. ‚Ja, Erde bist du, und zur Erde kehrst du zurück‘, sagte Gott. Nun waren wir sterblich. Gott machte uns Kleider und schickte uns fort aus dem Garten.

Mutter alles Lebendigen‘, hatte ich Eva genannt. Ich erkannte sie. Wir schliefen zusammen und sie wurde schwanger. Kain wurde geboren. Und bald darauf Abel. Viel später dann war sie noch einmal guter Hoffnung und wir bekamen noch einen Sohn. Aber davon soll sie besser selbst erzählen, denn das ist ihre Geschichte. Ich habe mich abgeplagt und geackert. Wie Gott es gesagt hatte. Unsere Söhne wuchsen heran und wurden selbständig … Jetzt erzählst Du besser selbst weiter, Kain!“

Doch ehe Kain zu Wort kam, begann sehr schnell und leise Abel zu sprechen: „Verzeih, wenn ich mich vordrängle. Ich weiß sehr wohl, ich bin nur der Zweite. Der Ewig-Zweite. Der kleine Bruder eben. Bloß einmal will ich es anders rum. Ist auch gar nicht viel, was ich von mir erzählen will. Was ich erinnere. Meinen Namen, Abel. Der ist wichtig. Damit Ihr versteht. Und mit mir fühlt und spürt. Abel. ‚Hauch‘ bedeutet das. Eine Luftnummer bin ich. Abel, das heißt auch ‚ein Nichts‘. Mein Name ist Programm. Schon der erzählt von meiner Vergänglichkeit. Pfffffffffffff. (laut die Luft auspusten)

Ja, ein ‚Nichts-chen‘, mehr bin ich nicht. So wie jeder Mensch. Ein Nichts-chen, ein Hauch, vergänglich, mit kurzer Lebensspanne. So wie jede Frau und jeder Mann. Ein Habenichts bin ich. Ziehe umher mit meiner Kleinviehherde. Von Weide zu Weide. Nomade bin ich, hüte Schafe und Ziegen. Ein Kleinviehhirte. Schlage mich so durch. Reich werde ich damit nicht. Komme grad so zurecht. Bin eher ein Looser, ein Verlierer. Ein Opfer. Mit mir ist wirklich nicht viel los.

Und dann, eines schönen Tages, sehe ich, wie mein großer Bruder, der Kain, von den Früchten seines Feldes opfert. Gute Idee, denke ich. Der Gottheit danken. Und um gute Ernte bitten. Also mache ich es ihm nach. Opfere etwas von den Erstgeburten meiner Herde und von ihren Fettstücken. Und erlebe und erfahre: Gott sieht mich an. Mich. Mein Opfer. Mich, den Hauch, das Nichts-chen. Den, der sonst immer übersehen wird. Das tut so gut. Die Gottheit sieht mich.“ Abel hält inne, fast so, als wäre er schon viel zu laut geworden. Als hätte er schon viel zu viel Raum eingenommen. Sich richtig wichtig gemacht!

Da ergreift auch schon Kain das Wort: „Nun hört mir mal gut zu. Hört, was ich erinnere. Ich war zuerst da. Der Erstgeborene. Der Große. Der Ältere. Das zukünftige Haupt der Familie, der neue Patriarch. Ich trage Verantwortung für die Familie. Das doppelte Erbteil ist mir versprochen. Meine Mutter war sehr stolz, als sie mich bekam. ‚Ich hab’s gekonnt, einen Mann erschaffen – mit Adonaj.‘ (Gen 4,1 BigS 2011) Und meinen Namen, Kain, wählte sie mit Bedacht. Da steckt ‚erwerben‘ drin und ‚besitzen‘. Mein Name ist Programm. Ich bin Mutters Hauptgewinn. Ein Gewinner. Mir kann keiner was. Nicht so eine Null, so ein Nichts-chen. So ein Nichtiger. Wie mein Bruder. Der Erste eben. Und der Beste. Der Hauptgewinner. ‚The winner takes it all!‘ Der Sieger bekommt alles. So einer bin ich. Dazu stehe ich.

Auf dem Feld rackere ich mich ab. So wie mein Vater. Mühsam ist es, dem Boden etwas abzuringen. Gewinn zu machen. Aber ich bin stark. Ich schaffe das. Und Abel, der war nie ein echter Konkurrent für mich. Darum macht er wohl auch so ganz was anderes. Der ist und bleibt eben ein Nichts-chen. Meinem Namen mache ich alle Ehre. Sicher ist meine Mutter sehr stolz auf mich. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das machte. Aber eines schönen Tages nahm ich von meiner Ernte, von den Früchten meines Ackers. In denen so viel harte Arbeit und Mühsal steckten. Und ich opferte sie.

Und der Kleine, dieses ‚Nichts-chen‘, musste es mir natürlich nachmachen. Typisch! Wie mich das nervt! Schon immer. Glaubt mir, das kannte ich schon. Daran hatte ich mich längst gewöhnt. Was ich aber dann erlebt hatte, was ich noch nicht kannte, war, wie die Gottheit reagierte. Gott sah mein Opfer nicht an. Genauso wenig wie mich! Aber diese Luftnummer, dieses Nichts-chen und sein Opfer, die sah er. Die beachtete er. Die sah er an. Nicht zu fassen. Ich hatte doch nichts falsch gemacht! Oder? Ach egal, es gelang mir nicht, noch irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen.

Gefühle übermannten mich. Überfielen mich. Überrannten mich. In mir tobte es. Mir wurde so heiß. Aufs Äußerste entflammte ich, und ich spürte, wie mir meine Gesichtszüge entglitten. Eifersüchtig war ich. Und wie! Neidisch. Diese Ungerechtigkeit! Zornig wurde ich, richtig gehend wütend. Ich musste zu Boden schauen. Bloß nicht mehr dieses Nichts-chen und sein Opfer sehen! Und trotzdem wurde ich rasend vor Wut.

Es machte es keinen Deut besser, dass Gott mich jetzt doch sah. Ansah. Und mich ansprach. ‚Warum brennt es in dir? Und warum entgleiten deine Gesichtszüge derart? Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. ‚Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du – du musst sie beherrschen.‘ (Gen 4,6-8 BigS 2011) Das erreichte mich gar nicht. Völlig unmöglich, jetzt darüber nachzudenken. Und auch noch zu antworten! Ich versuchte mich zusammen zu reißen. Wirklich! Wollte meinem Bruder etwas sagen. Doch als wir dann auf dem Feld waren, fehlten mir die Worte. Mein Groll und meine Wut wurden übermächtig. Und so erschlug ich ihn.

Und da! Da war Gott dann plötzlich auch da. Hatte mich gesehen. Und was ich getan hatte. Und fragte mich. ‚Wo ist Abel, dein Bruder?‘ (Gen 4,9a BigS 2011) Ich sagte nur. Das weiß ich nicht. Habe ich etwa die Aufsicht über meinen Bruder?‘ (Gen 4,9b BigS 2011) Ja, bin ich denn sein Hüter? Meines Bruders Hüter? Nein. Alles andere bin ich. Aber gewiss nicht der Hüter meines Bruders! Doch Gott machte weiter, ließ nicht locker. Stellte mir die nächste Frage. ‚Was hast du getan? Laut schreit das Blut deines Bruders zu mir vom Acker her. Also: Verflucht bist du, weg vom Acker, der das Blut deines Bruders von deiner Hand geschluckt und aufgenommen hat! Wenn du den Acker weiter bearbeitest, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben. Heimatlos und ruhelos musst du auf der Erde sein.‘ (Gen 4,10-12 BigS 2011)

Ja. Das verstehe ich immer noch nicht. Warum Gott mir das Leben ließ. Mich nicht richtig hart bestrafte. Warum er mich nur verfluchte? Und nicht tötete? Warum war Gott so gnädig? Wo er mich und mein Opfer doch nicht gesehen hatte? Trotzdem bekam ich eine Riesenpanik. Wie würde es mir ergehen, da draußen? So sagte ich ängstlich und voller Sorge: ‚Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden. Doch schau, du vertreibst mich heute vom Antlitz des Ackers, und auch vor deinem Antlitz muss ich mich verbergen und soll heimatlos und ruhelos auf der Erde sein – dann kann jeder mich töten, der mich findet.‘ (Gen 4,13-15 BigS 2011)

Darauf gab Gott mir die klare Zusage: ‚Also denn: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden.‘ (Gen 4,16 BigS 2011) Damit konnte ich leben. Weiter machen. Ein Schutzzeichen bekam ich auch. Keiner sollte es wagen mich zu töten. Zukunft sollte ich haben. Die bekam ich. Und Nachkommenschaft. Den Henoch. Nach ihm benannte ich eine Stadt, die ich erbaute. Mein Enkel Irad bekam den Mehujaël. Und der den Metuschaël. Und der bekam den Lamech. der sich zwei Frauen nahm. Mit Ada bekam er den Jabal. Auf den das Hirtenleben zurückgeht. Und den Jubal. Auf den alles Spielen auf Instrumenten zurückgeht. Und mit Zilla den Tubal-Kain. Der war ein Schmied von Bronze- und Eisenpflügen. Und auch von Waffen. Lamech sagte seinen Frauen; ‚Einen Mann töte ich für meine Wunde, ein Kind für meine Strieme. Wenn Kain siebenmal gerächt wird, so Lamech siebenundsiebzigmal, denn: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden.‘ (Gen 4,23-24 BigS 2011) Die Gewalt nahm zu. Das Töten und die Kriege. Der Blutrausch. Viele Lebensjahre hatte ich. Keiner wagte mir etwas anzutun. Nie. Keinen Tag. Ich habe Geschichte gemacht.“ Kain unterbrach sich. Hielt inne. Zufrieden. Stolz. Mit sich und der Welt im Reinen.

Da ergriff Eva das Wort. „Ich erinnere mich auch. Wie glücklich ich war! Und so stolz, als ich den Kain geboren hatte. Mit Gott hatte ich mir einen Mann erworben. Kain. Einen Mann hatte ich erschaffen. Abel, nun ja, das war der zweite. Nur ein Hauch eben. Ein Hauch von Leben. Nicht zu vergleichen mit Kain. Sie wurden beide erwachsen. Kain wurde Ackerbauer, Abel ein Hirte. Und dann verschwanden sie beide aus meinem Leben. Am selben Tag. Mein Kain wurde der Mörder seines Bruders. Das ‚Nichts-chen‘ war verhaucht. Nur sein Blut schrie von der Erde.

Inzwischen bin ich alt geworden. Vieles wurde mir zugetragen. Über das Opfer der beiden. Über den Mord. Über Kains Leben. Meine Enkel und Urenkel und so weiter. All die neuen Generationen. Über die Blutspur, die Kains Nachkommen in der Welt hinterließen. Ich hatte viel Zeit nachzudenken. Inzwischen ist mir so einiges klar geworden. Auch über unsere Gottheit. Die mich Mitschöpferin werden ließ. Die meinen Stolz ertrug. Und meine Geringschätzung für Abel. Kein Wunder, dass Kain auf seinen Bruder herabsah. Von ihm nichts wissen wollte. Für ihn kein Bruder sein wollte. Und darum auch nicht so handelte. Nie und nimmer. Zu keiner Zeit.

Als Gott Abel ansah und sein Opfer. Meinen kleinen, zarten Abel, diesen Windhauch, dies Nichts-chen‘. Da ist Kain völlig durchgedreht. Da fühlte der sich total provoziert. Er, der Mann, und sein Opfer werden übersehen. Da sind Gefühle in ihm empor geflammt, die hat er nicht ertragen, nicht ausgehalten. Dass Gott sich von ihm wünschte, dass er ein Bruder sei. Dass er achtgibt auf Abel, diese Nichtigkeit. Das habe auch ich erst spät begriffen. Mein Auftrag, meine Aufgabe als Mutter, wäre ja dieselbe gewesen. Auf den Kleinen, den Schwachen, diesen Hauch, dies Nichts-chen acht zu geben. Es zu schützen. Zu beschützen. Der Erstgeborene hatte ja sowieso alle Vorteile auf seiner Seite.

Ach ja. Es ist so schwer für die Starken. Wenn Gott die Starken verwirft. Und die Schwachen erwählt. Die Gottheit ist frei in ihrer Entscheidung. Tätermutter und Opfermutter bin ich. In einer Person. Als ich Gottes Willen endlich verstanden hatte, für mich akzeptiert hatte, erinnerte ich mich endlich. Eva, Mutter allen Lebens, so heiße ich doch! Also wandte ich mich Adam zu. Und der erkannte mich noch einmal und ich ‚gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set, denn seht, Gott hat mir einen anderen Nachkommen gesetzt anstelle Abels, denn Kain hat ihn getötet.‘ (Gen 4,25 BigS 2011) Das war mir eine Herzenssache. Set, mein dritter Sohn, für Abel, weil Kain ihn erschlug. So blieb ich Eva, Mutter des Lebens. Und gab das Leben weiter. Für Abel. Auf einer anderen Linie. In Set. Dem Setzling. Für Abel. Und Set bekam den Enosch. Das ‚Menschlein‘. Damals begannen die Menschen, Gott anzurufen.“

Nachdenklich enden Evas Erinnerungen. Eine kluge Frau. Gereift. Widerständig. Erklärt das Richtige der Mächtigen für falsch. Ergreift Partei für Abel, für die Schwachen. Kehrt um zu Recht und Gerechtigkeit. Erkennt die Sünde. Den Mord. Das Handeln gegen die Gottheit und Gottes Schöpfergeist. Die Erkenntnis von Gut und Böse. Auch draußen. Nach dem Rauswurf aus dem Garten Eden. Gottes Parteinahme für die Schwachen und Unterdrückten beginnt früh. Für die Übersehenen und Zarten. Für die ewigen Zweiten. Für die Letzten. Gott wirbt von Anfang an um uns: Seht die im Schatten leben. In Armut und Unterdrückung. Die nicht angesehen werden. Die übersehen werden. Die Bibel erzählt die Geschichte der Opfer. Ist an ihrer Seite. Und Gott mit ihnen.

Haben wir mehr als die Alternative: Kain oder Abel? Täter oder Opfer? Adam und Eva haben ein drittes Kind geboren, Set, der Stammvater war die Linie, die über die Väter Israels und über König David und von dort bis zu Jesus führte. Uns bleibt der dritte Weg: Jesus zu folgen, der sagte: „Wahrhaftig, ich sage euch, alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40 BigS 2011) Und: „Du sollst die Lebendige, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst.“ (Lk 10,27 unter Bezug auf Lev 19,18 BigS 2011) Und: „Ich gebe euch ein neues Gebot, dass ihr euch gegenseitig liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr euch gegenseitig liebt.“ (Joh 13,34 BigS 2011)

Solange wir in dieser Welt leben, sind wir nicht vollkommen. Sünder und Gerechte sind wir, zugleich. Täterinnen und Opfer. Immer noch sind Kain und Abel in uns. Wenn wir die Nachrichten sehen, erkennen wir jeden Tag, wie dünn die Schicht der Zivilisation immer noch ist. Noch immer ist der Mensch dem andern ein Wolf. Doch hat Gott einen neuen Anfang gemacht. Mit dem Wagnis der Liebe. „Wahrhaftig, ich sage euch, alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40 BigS 2011)

Amen.

 

Mein Herz behüten

Lache und die Welt lacht mit dir. Weine, und du weinst allein.“ (Ella Wheeler Wilcox). Lachen stiftet Gemeinschaft. Völlig klar. „Lache und die Welt lacht mit dir.“ Wer lacht, findet immer andere, die gerne mit lachen oder gackern oder prusten. Oder quietschen. Auf Feiern und Festen merken wir das. Da gibt es dann beim Essen immer welche, die herzlich und laut miteinander lachen. Da werden alle andern aufmerksam. Und möchten mitlachen. Weil Lachen Menschen anzieht. Zueinander bringt. Weil es fröhlich macht, gute Laune.

Weine, und du weinst allein.“ Weinen macht eher einsam. Auch wenn manchmal Weinende sehr viel Anteilnahme und Zuwendung erfahren. Meist werden weinende Menschen eher gemieden. Wie spreche ich die bloß an? Ich will den doch nicht verletzen, ihm nicht weh tun. Doch manchmal ist Weinen wirklich heilsam und wichtig. Weinen befreit von der Trauer, die in mir ist. Löst die Traurigkeit. Tränen sind die Perlen der Trauer, heißt es. Das Herz wird leichter, findet zur Heiterkeit zurück. Zur Freude. Zum Lachen.

Im Buch der Sprüche heißt es: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus quillt das Leben.“ (Sprüche 4,23) Mein Herz behüten. Mit allem Fleiß! Mit offenem Herzen und wachem Verstand durchs Leben zu gehen. Bei jeder Entscheidung überlegen, was entsteht daraus, jetzt und in Zukunft. Meinem Herzen treu bleiben – und der Liebe. Umkehren, wenn ich irrte. Ich habe es leider nicht besser gewusst. Und gerade dann: mein Herz behüten. Gut darauf aufpassen, denn es ist das Kostbarste was ich besitze.

Mein Herz behüten. Mein offenes Herz. Es vor mir tragen wie eine kleine Blüte, die in all meinen Farben gleichzeitig leuchtet. Rot, Lila, Grün, Blau, Türkis, alles, was ich bin. Je mehr ich mich öffne, je heller scheint sie. Bei Regen macht sie lieber zu. Kaum scheint die Sonne wieder, blüht sie umso heller. Mein offenes Herz behüten. Die Wunder um mich herum erkennen. Die andern so sehen, wie sie wirklich sind. Neugierig, wild und frei ist mein offenes Herz. Und sehr verletzlich. Offen bleiben.

Mein Herz behüten. Mein mutiges Herz. Angst zu haben gehört dazu. Manchmal bin ich starr vor Angst. Meine Knie schlottern. Mir fehlt mir die Luft zum Atmen. Es schnürt mir buchstäblich die Kehle zu. Mein mutiges Herz behüten. Ruhig bleiben, meine eigene Wahrheit finden. Sie laut in die Welt sagen. Meine Stimme mag anfangs zittrig und zaghaft sein. Doch mit jedem Mal wird sie kräftiger sein und stärker. So wie ich. Unbedingt mutig sein!

Mein Herz behüten. Mein ehrliches Herz. In allen Dingen die Wahrheit zu finden suchen. Auf die Menschen und die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln schauen. Daran denken, die Wahrheit ist immer eine Summe aus vielen Wahrheiten. Mein ehrliches Herz behüten. Und auf der Hut sein, dass es sich dabei um Wahrheiten handelt, die aus reinen Herzen entspringen. Alles andere entfernt mich nur davon.

Mein Herz behüten. Mein mitfühlendes Herz. Fühlen, was die Menschen und Tiere bewegt. In Verbindung bleiben. Die Verbindung zueinander ist wie der Puls, der uns antreibt, der alles ausmacht. Mein mitfühlendes Herz behüten. Dass es warm bleibt, auch wenn um mich alles gefroren scheint. Gut für mich sorgen. Und für die Menschen in meiner Nähe. Und für die, die ich gar nicht kenne. Zuhören! Hinsehen! Mitfühlen!

Mein Herz behüten. Mein großzügiges Herz. Geben! Wirklich und aufrichtig geben, so oft ich kann. Am besten ohne Grund geben, einfach, weil ich nicht anders kann. Einfach da sein, wenn ich helfen kann. Wenn ich mehr tun kann als gewöhnlich, handeln, ohne lange drüber nachzudenken. Mein großzügiges Herz behüten. Es gibt mehr Gelegenheiten dafür, als ich denke. Oder ahne.

Mein Herz behüten. Mein vergebendes Herz. Nicht vergeben zu können, bedeutet an alten Wunden und Mustern festzuhalten. Wir alle sind Menschen, wir alle machen Fehler. Versuchen, daraus zu lernen. Mein vergebendes Herz behüten. Den gleichen Fehler nicht wieder machen. Mir selbst vergeben. Und den anderen. Vergeben bedeutet nicht vergessen. Vergeben bedeutet wirklich frei sein.

Mein Herz behüten. Mein freies Herz. Immer und jederzeit bereit die Richtung zu ändern. Einen neuen Kurs einzuschlagen. Manchmal ändert sich die Art, wie ich denke und fühle, ganz plötzlich, über Nacht. Mein freies Herz behüten. Bereit bleiben, alles Gewohnte hinter mir zu lassen. Sehen, wie verbunden wir alle in Wahrheit sind. Wie viel wir uns bedeuten. Groß träumen. Sich dem Leben anvertrauen, ohne wenn und aber.

Mein Herz behüten. Mein liebendes Herz. Enthält alles. Ist offen, mutig, ehrlich, mitfühlend, großzügig, vergebend und frei. So wie die Farben eines bunten Regenbogens. Mein liebendes Herz schlägt laut und gleichzeitig leise. Bringt immer neue Wunder hervor. Ist doch selbst das größte Wunder! Mein liebendes Herz behüten. Zu lieben versuchen, wie nur ich es kann. Mit jeder Faser. Mit meiner ganzen Seele. Am Ende zählt das. Wie sehr wir geliebt haben.

Von den Rosen

Von den Rosen

Endlich ist sie wieder da – die Rosenzeit! Eine nach der anderen beginnen sie zu blühen. Rosa, rot, weiß, gelb, pink, eine schöner wie die andere. Die Vielfalt der Blütenformen. Und dann das Beste, ihr Duft! Mhhhmm. So schön, so zärtlich, so überraschend überwältigend stark bei mancher von ihnen. In meinem Garten blüht rosarot die Gloria Dei, Ehre Gottes oder Ruhm Gottes auf Deutsch. Und noch ein paar andere mit klangvollen Namen. Einige Beetrosen, weiß und rosa, wunderbar duftend mit ihren kleinen Blüten.

Von den Rosen erzählt eine Geschichte über den Dichter Rainer Maria Rilke: „Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er (Rilke) um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geldgeber je aufzusehen, ohne eine anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß die Frau immer am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück.

Eines Tages fragte die Frau verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab zur Antwort: ‚Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.‘ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber an, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe. Nach acht Tages saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Dankbarkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. ‚Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?‘ fragte die Französin. Rilke antwortete: ‚Von der Rose‘.“

Da sprach eine Rose mehr als alle anderen milden Gaben. Was die Rose der Bettlerin wohl erzählt hat? Vielleicht: „Guten Tag, Du Liebe, hier bin ich, Deine Rose. Wunderschön – und nur für Dich! Ich will Dein Herz erfreuen, Dein Leben hell machen und freundlich, will Dir neuen Mut schenken. Ich bin für Dich da – nur für Dich.“

Und ich höre die Rose, wie sie weiter spricht: „Atme all das aus, was Dein Leben so oft so schwer macht. Atme meine Schönheit ein, meinen Duft – so zart, so unaufdringlich und doch so betörend schnupperbar. Schau Dir meine Farben an: das Grün meiner Blätter, das zarte Rot meiner Blüte.“ Und habe die Bettlerin vor Augen, wie sie ihre Rose betrachtet, sie bewundert und genießt, schaut und schnuppert.

Und ich sehe die Bettlerin, wie sie ihre Rose berührt. Ganz vorsichtig. Sie ist ja so zart. Wie sie den Stiel ertastet. Mit den Dornen. Die scharf sind und stechen, die eine zum Bluten bringen, wenn sie nicht acht gibt. Die verletzen können. So wie ich und Du oft andere verletzen – und uns selbst. Wie sie die Blätter befühlt. Die Blätter, mit denen die Rose atmet. Fast wie Samt fühlen die sich an. Die Rose streckt ihre Blätter aus, so als ob sie ihr ihre Hand reicht, über alle Verletzungen hinweg.

Wie sie die Blüte berührt. Ganz fein und zart ist sie, voller Farbe. Wie sie duftet! Wie sie sich ihrer Rose zuwendet, diesem Zeichen, in dem die Schöpfung Gottes uns anschaut. Diesem Zeichen, verletzend und doch voller Ausstrahlung, scharfkantig und zärtlich. Wie sie ganz still wird, und eins mit ihrer Rose. Wie sie ihre Rose aufbewahrt, ins Wasser stellt, gut pflegt und behütet.

Und ich male mir aus, wie die Bettlerin sich an eine andere Rosengeschichte erinnert, an die vom kleinen Prinzen und seiner Rose. „Der kleine Prinz hatte auf seinem Planeten eine einzige Rose. Für diese Rose hatte er gesorgt und sie sehr lieb gewonnen. Nachdem er seine Rose wieder gesehen hatte, ging er zu den 5000 Rosen und sagte zu ihnen: ‚Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts. Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht.‘

Und er kam zum Fuchs zurück, der ihm erklärte: ‚Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.‘ ‚Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar,‘ wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. „Die Menschen haben das vergessen“, sagte der Fuchs.

Aber du darfst es nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.‘“

Ob die Bettlerin wohl mit ihrer Rose gebetet hat? Vielleicht. Vielleicht so: „Du, Gott, Quelle allen Lebens, sorgst für mich. Dafür danke ich dir und bitte: für mich und für alle, dass unsere Liebe täglich neu aufblühe und wachse. Dass ich erlebe, meine Liebe und Hingabe werden wertgeschätzt. Dass ich so wie Du, liebe Rose, Wärme, Licht und Wasser zum Wachsen bekommst, Menschen begegne, die mich stützen, mir Geborgenheit schenken. Amen.“

Wunderbar gemacht

Wunderbar gemacht

,,Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke.“ (Psalm 139,14) Wer der Mann oder die Frau war, der oder die diesen Satz, dieses Dankgebet ausgesprochen hat, ist nicht bekannt. Vielleicht ein schöner, kluger, gesunder und rundum erfolgreicher Mensch, mit allem Grund zur Dankbarkeit. Vielleicht aber auch ein Mann, im fortgeschrittenen Alter, mittlerweile mit Glatze und Problemen am Rücken. Oder eine Frau, die keine Kinder bekommen kann. Oder eine Jugendliche im Rollstuhl. Oder mit Legasthenie. Oder ein hyperaktives Kind, oder vielleicht ein dicker Junge.

,,Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke.“ Das ist einer der schönsten und wichtigsten Sätze, die ich kenne. ,,Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke.“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht. Und doch hat jede und jeder von uns etwas, was nicht ganz stimmt, was wir nicht hinkriegen, womit wir nicht zufrieden sind, was uns an uns nicht gefällt. Schwächen vielleicht oder Seiten an uns, die uns unser Leben lang zu schaffen machen, die wir an uns nicht mögen.

Und dann? Vielleicht kennen Sie solch ein Prisma aus Glas. Wenn die Sonne darauf scheint, dann tanzen überall im Zimmer kleine Regenbogen. Auf das Glas fällt Licht, und das Licht wird in allen Farben des Regenbogens sichtbar. Und so wie bei dem Glasprisma ist es auch bei uns. Von Gott her fällt ein Licht auf uns, und das lässt uns strahlen. In diesem göttlichen Licht leuchten wir und erkennen uns als etwas Wunderbares. Wunderbar gemacht. Ganz egal, wie perfekt oder fehlerlos ich bin. Egal, wie alt oder jung, wie klein oder groß. Das liegt einzig am Licht Gottes, das auf mich fällt. ,,Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke.“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

Also eine Frage der Sicht, wie ich mit mir selbst umgehe. Vor allem, wie ich mit dem zurecht komme, was mir an mir selbst nicht gefällt. Dabei geht es nicht darum, zu mir selbst sagen: ab morgen denke ich positiv. Ab morgen stören mich meine abstehenden Ohren nicht mehr. Oder meine schiefen Zähne. So geht es nicht! Ich meine es eher so: für mein ganzes Leben ist es bedeutsam, ist es rettend, diesen Satz aus der Fülle meines Herzens zu sagen: ,,Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

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Morgens meine Augen aufmachen und das Licht des neuen Tages begrüßen. Die Stimmen der Vögel hören und auf meinen eigenen Füßen stehen und gehen. Neben allem Mich-Abmühen auch Freizeit und Ferien haben – große und kleine Inseln der Ruhe. Und mich in all diesen Wohltaten Gottes auch selbst als„wunderbar gemacht“ erkennen. „Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

Manchen mag das selbstgefällig klingen. Für mich ist es nichts anderes als die gelebte Gewissheit, dass ich mein Leben einmal aus Gottes Hand empfing, Gott, der mich wunderbar gemacht hat – mein einziger, mein wirklicher, starker Trost – im Leben und im Sterben. „Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

Ich wünsche uns allen, dass wir uns die Erlaubnis geben, diesen Satz nachzusprechen. Vor allem auch den Älteren unter uns. Nicht wenige Altgewordene machen ja die Erfahrung, dass mit dem Älterwerden so manche Quellen der Lebensfreude versiegen. Je älter wir werden, um so mehr Unabänderliches gibt es und an Verlusten tragen wir schwer. Und damit verbunden an kleinen oder großen Lebensängsten. Und trotzdem weiter diesen einen Satz laut sagen, als Ermutigung: „Gott, ich danke Dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

Das weckt in uns die freundlichen und barmherzigen Stimmen. Und erinnert uns daran: über unser aller Leben steht ein liebevolles, unerschütterliches „Ja“. Wir leben davon, dieses lebensfreundliche „Ja“ zu hören. Dies „Ja“ zu sehen, zu schmecken und zu fühlen, zu kosten und in uns aufzunehmen. Bis dies „Ja“ unser innerster Besitz geworden ist, ja, ein Stück von uns selbst. Lasst uns staunen über Gottes Wohltaten, die auch in diesem Jahr die Lebendigkeit der Natur uns bringt. Lasst uns einstimmen in das Lob „Gott, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin.“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

Wenn ich staune über mein Dasein, dann gehen mir diese Worte ganz leicht über die Lippen: „Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht. Der Psalmbeter spricht weiter: „Das erkennt meine Seele.“ Auch wenn meine Seele grad tieftraurig ist, voll Angst oder verzweifelt. Mitten in der tiefsten Traurigkeit zeigt sich Gott. Und ich fange an zu staunen über meine Lebendigkeit, mitten in der schmerzlichsten Trauer. Das allzu Selbstverständliche erscheint in einem neuen, warmen, heilenden Licht: „Gott, ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin!“ So, wie ich bin. Wunderbar gemacht.

fundevogel : Mascha Kaléko – Das Ende vom Lied

Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal, wie vor Jahren
Zum erstenmal. – Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei … was ich des Abends tu –
Und später dann im kaumgebornen «Du»
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt –
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die vielzuoft geweinten dummen Tränen.

– Das alles ist vorbei … Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: «Gewesen!»

BERTOLT BRECHT – Lob der Dialektik

BERTOLT BRECHT – Lob der Dialektik

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
Jetzt beginne ich erst.
Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.
Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!

fundevogel : langes spiel – lose enden | versspielerin

„… langgewachsenes gras im kopf“

finde auch ich reichlich bei mir,

schmerzende harte verklebte knoten dabei,

wohltuende zarte mitfühlende fädchen auch

und feinste tragende liebe gespinste –

so weich.

verssprünge

schritt für schritt
löse ich
(langgewachsenes gras im kopf)
verknotete fäden
einer kindheit manche
sind zu fest gezurrt
manche verborgen andere
lassen sich entwirren
und verknüpfen sich
neu

©diana jahr 2021

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Feuriger Pfingstbrief

Feuriger Pfingstbrief

„Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus.“ (Apg 2,3-4 BigS)

„Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe! Einer hat uns aufgeweckt – und das Feuer scheint hell.“ So singt es in mir. Feuriges Lied aus meiner Jugend. Gehört, gelernt und gesungen auf dem Kirchentag in Nürnberg 1977. Pfingstlich rot. Voll Liebe. Voll entflammt. Voll heiliger Geistkraft. Atem Gottes. Atem des Lebens. Ruach, Gottes Geist, der über der Welt liegt vom Anbeginn der Schöpfung bis auf den heutigen Tag.

Genauso feurig diese alten Choralzeilen: „O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.“ Jedes Jahr gesungen – an Pfingsten und bei der Konfirmation, unmittelbar vor der Segnung. Ja, komm, heilige Geistkraft! Brenne in uns, atme in uns!

„Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus.“ Frauen und Männer spüren Feuer-Zungen. Werden lichterloh entflammt. Das Feuer steckt an, es brennt – immer mehr. Sie verstehen einander. Sehen mit dem Herzen. Reden frei und ungeschützt. Vertrauen blüht auf. Blicken einander an, voll Liebe.

Wieder singt es in mir: „Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe! Einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell. Wer sich selbst verliert, wird das Leben finden, wer die Freiheit spürt, kann sich selber finden.“ Den Traurigen, Zweifelnden, Verzweifelten gilt die Verheißung, das Reich der von-Gott-geschenkten-Freiheit, von
Geburt an.

„Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe! Einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell. Wer die Armut spürt, wird im Reichtum leben, wer von Herzen brennt, kann sich andern geben.“ Den Armen, Schwachen, Kleinen gilt die Verheißung, das Reich des Einander-Liebe-Schenkens, einfach so.

„Einer hat uns angesteckt mit der Flamme der Liebe! Einer hat uns aufgeweckt und das Feuer brennt hell. Wer betroffen ist, wird das Wort neu sagen, wer sich selbst vergisst, kann auch Lasten tragen.“ Den Anteilnehmenden, Mitfühlenden, Mitleidenden gilt die Verheißung, das Reich des Miteinander-Teilens, ohne Falsch.

„Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus.“

Heilige Geistkraft. Atem Gottes, Atem des Lebens. Oder auch biblisch, hebräisch: Ruach, Gottes Geist, Gottes Atem, der über der Welt liegt, vom Anbeginn der Schöpfung bis auf den heutigen Tag. So, wie dies Lied in mir singt: „Gott gab uns Atem, damit wir leben.“ Und manchmal singt feurig und pfingstlich: „Gott gab uns Atem, damit wir lieben.“

Wie damals ist unsere Bitte heute: Komm, Ruach, heilige Geistkraft, Feuer vom Himmel, entflammende Kraft. Befeuere unsere Müdigkeit, entzünde unsere Herzen, lass uns brennen, mit der Flamme der Liebe. Flammen-Kraft, bring Licht und Leben, in die Welt. Gib uns Atem, damit wir lieben:

Die Liebe schweigt, hört den Bedrängten zu.
Die Liebe wird laut, protestiert gegen Unrecht und Zwang..
Die Liebe hört nicht auf zu fragen, auch wenn es wehtut.
Die Liebe ist offen für die Erfahrungen der andern.
Die Liebe hat ein weites Herz.

Die Liebe erkennt, was Menschen trennt.
Die Liebe entlarvt die falschen Unterschiede, von Mächtigen ausgedacht.
Die Liebe freut sich, wenn die Stimmen der Leisen lauter werden.
Die Liebe fordert nichts, was sie selbst nicht befolgt.
Die Liebe hat ein weites Herz.

Die Liebe ist sich ihrer Blickrichtung bewusst.
Die Liebe entschuldigt sich. Von selbst.
Die Liebe ist unbequem. Eckt auch mal an.
Die Liebe brennt auch mal vor Ungeduld.
Die Liebe hat ein weites Herz.

Die Liebe höret nimmer auf.

„… was durch den Propheten Joel gesagt ist: Sein wird’s in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich von meiner Geistkraft ausgießen auf alle Welt, dass eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden, eure jungen Leute Visionen schauen und eure Alten Träume träumen.“ (Apg 2,16-17 BigS)

fundevogel : Heim – Mein Vater hieß Erich Honecker | Menschensammlerin

Heim.

 

Mein Vater hieß

Erich Honecker.

Meine Mutter hieß

Margot Honecker.

 

Mein zu Hause war die DDR.

 

Sagte sie wie etwas,

das sie lange auswendig gelernt hat.

 

Vor meinem inneren Auge

sitzt ein kleines Mädchen

mit Zöpfen und kariertem Rock

unter den Bildnissen der Honeckers

an einem kargen Tisch.

Kein trautes Heim.

 

Ich war böse.

Ich war das böse Mädchen.

Ich war ein Staatsfeind.

Ich war 10 Jahre alt und ein Staatsfeind.

Ich war ein Feind.

Ich war ein Kind.

Ein Kind ohne Kindheit.

Ein Kind mit Schmerzen.

Ein Kind ohne Eltern.

 

Ein Kinderheim nach dem anderen.

Erst normale Kinderheime.

Aber ich war zu böse.

Dann kam ich in ein Spezialheim.

In ein Erziehungsheim.

In einen Werkhof.

In eine Psychiatrie.

In den Knast.

Knast für Kinder.

 

Was man dort überall mit bösen Kindern machte?

 

Erziehungspläne.

Umerziehung.

Zu einer sozialistischen Persönlichkeit.

Mit Erziehungsmaßnahmen.

 

An der Wand stehen.

An der Wand stehen und die Arme hochhalten

An der Wand stehen und zur Wand sehen.

An der Wand stehen und die Arme verschränken.

Mit verbundenen Augen an der Wand stehen.

 

Kalte Dusche.

Schwere Arbeit.

Essensentzug.

Kein Spielzeug.

Keine Bücher.

Schläge.

Dunkelzelle.

Spritzen.

Arrestloch.

Vergewaltigungen.

Missbrauch.

Anfassen.

Nackt sein.

Stacheldraht.

Handfesseln.

Sport bis zum Umfallen.

Peitschen.

Isoliertsein.

 

Manche verschwanden einfach.

Meine Haut kannte alle Farben.

 

Ich war böse.

Ich schrie.

Ich wehrte mich.

Ich schützte die Kleinen.

Ich flüchtete.

Ich spuckte.

Ich flüchtete wieder.

Ich schmiss Steine.

Ich malte mit Marmelade auf den nackten Boden auf dem ich lag.

Ich hörte mein Herz noch schlagen.

Ich hatte keine Angst mehr.

Ich war egal.

Mir war alles egal.

Ich würde überleben.

Meinen Namen würden sie nicht auslöschen.

Das haben sie nicht geschafft.

Ich habe einen Namen.

Ich lebe.

Aber alle Schläge leben ebenso noch.

Alles.

 

Und du? Du glaubst an Gott, ja?

Fragt sie interessiert.

Mein kleiner Pappengel wirkt lächerlich auf dem Krankenhausnachttisch.

 

Aber sie ist nicht gerne alleine.

 

(Kommentar: Immer wieder begegnen mir Menschen mit traumatischen Erfahrungen in DDR-Erziehungsanstalten. Wie Gisela. Sie hat mir viel davon erzählt und ein Buch darüber geschrieben.)

Quelle: Menschensammlerin