fundevogel : Der Turm stürzt ein | Rio Reiser

Der Turm stürzt ein (1981)

Auf den Asphaltfeldern grasen
goldene Kälberherden Tag und Nacht.
Über ihnen Wolkenkratzer,
wo die Computer schmatzen.
Ach, wo ist noch Platz für mich
oder ein Dach für dich?
Hörst du es flüstern im Land?
Dracula sucht einen Sarg,
Helmut kauft sich Koks im Park.
Siehst du die Schrift an der Wand? 

Refrain:
Der Turm stürzt ein.
Der Turm stürzt ein.
Halleluja, der Turm stürzt ein. 

Der Pepsodent von Ju-Es-Ah
ist ein cooler Loser seiner Macht.
Glänzend, doch schon rostzerfressen
fliegt er durch den Wilden Westen.
Ach, wo ist noch Platz für mich
oder ein Dach für dich?
Hörst du es flüstern im Land?
Old Shatterhand und Nietzsche tot,
im Kaufhof klaut Gott sein Brot.
Siehst du die Schrift an der Wand? 

Refrain:
Der Turm stürzt ein.
Der Turm stürzt ein.
Halleluja, der Turm stürzt ein. 


Ruße in Beton und Stahl,
müde alles Material.
Hörst du das Flüstern im Land?
Jesus kommt trotz Pillenknick,
Flöte hat mit Faust gekickt.
Die Postbeamten tragen schwarz,
´ne Tonne Öl kost´ tausend Mark.
Siehst du die Schrift an der Wand? 

Refrain:
Der Turm stürzt ein.
Der Turm stürzt ein.
Halleluja, der Turm stürzt ein.

Anmerkungen

„Helmut kauft sich…“ = natürlich ist Helmut Schmidt gemeint, der zu dieser Zeit Bundeskanzler war.
„Pepsodent“ = ist eine – angeblich eklig schmeckende – Zahnpasta der Firma Lever
„Ju-Es-Ah“ = Das ist die Ausprache von USA
„Flöte hat mit Faust gekickt“ = Faust ist die Romanfigur von Goethe und die Stelle ist ein Buchstabendreher. Auf einem Konzert sang Rio mal den richtigen Text „Goethe hat mit Faust gefickt.“
Dieses Lied ist eindeutig Rio’s Version vom Ende der Welt. Die volksliedartige Musik macht alles eher zu einer Satire.
Der Song erschien 1981 auch auf der Single von „Jenseits von Eden“.

fundevogel : Bernhard Trautvetter: Solange das noch geht | HINTER DEN SCHLAGZEILEN

Bernhard Trautvetter: Solange das noch geht

Die Nachrichten aus aller Welt überfordern uns. Da haben viele den Impuls, wegzuschauen, abzutauchen, aufzugeben. In seinem Gedicht seziert Bernhard Trautvetter hellsichtig die Abwehrmechanismen unserer Zeitgenossen, die vielen Ausreden, die herangezogen werden, um nicht selbst aktiv werden zu müssen.

 

Sein Fazit: „Wir haben kein Recht, aufzugeben“.

 

Ich kann die Nachrichten kaum mehr aushalten.

Doch:

Was kann ich schon machen!

Es ist doch sowieso alles zu spät, wie mir scheint.

Die Herren der Welt kämpfen um die letzten Schätze der Erde,

solange das noch geht.

Klima, Kriege, Fluten, Krisen, Verwüstung der Welt

ich kann es nicht mehr hören.

Unsereins kann doch sowieso nichts tun.

Selbst die Experten sind mit ihrem Latein am Ende.

Was kann ich da schon machen!

Das geht hier sowieso nicht mehr lange gut.

Jeder ist gerade in Krisenzeiten sich selbst der nächste.

Noch gehört unsere Heimat uns.

Unser Land.

Wir gegen die anderen, das war immer schon so.

Der Mensch ist nun mal ein Egoist.

Geld regiert die Welt.

und Kriege hat es immer schon gegeben!

Was soll ich dagegen ausrichten!

Wer sich dagegen stellt,

der versteht nichts von dieser Welt.

Das sind Traumtänzer, Gutmenschen, von Tuten und Blasen

keine Ahnung, nur Ideologien und Schäume von einer besseren Welt.

Das mach alles nur noch schlimmer,

weil es diese verdammte Hoffnung nährt,

wir müssen uns den Fakten Stellen

Nichts geht mehr.

So hört und liest man es tageintagaus.

Das alles sind Ursachen für das, was nicht sein darf.

Wir haben kein Recht, aufzugeben,

die Erde, das Leben, die Liebe

all das sagt mir:

Wir sind gekommen,um zu leben

um das Leben mit Leben zu füllen

für die noch Ungeborenen.

Von ihnen haben wir die Welt geliehen.

Wegen ihnen haben wir

kein Rechtaufzugeben.

Das Leben

will mit uns

aufleben.

 

Bernhard Trautvetter hat sich durch das Gedicht ‚Grunde‘ von Erich Fried zu seinem Gedicht anregen lassen:

 

Weil das alles nicht hilft

Sie tun ja doch was sie wollen

 

Weil ich mir nicht nochmals

die Finger verbrennen will

 

Weil man nur lachen wird:

Auf dich haben sie gewartet

 

Und warum immer ich?

Keiner wird es mir danken

 

Weil da niemand mehr durchsieht

sondern höchstens noch mehr kaputtgeht

 

Weil jedes Schlechte

vielleicht auch sein Gutes hat

 

Weil es Sache des Standpunktes ist

und überhaupt wem soll man glauben?

 

Weil auch bei den andern nur

mit Wasser gekocht wir

 

Weil ich das lieber

Berufeneren überlasse

 

Weil man nie weiß

wie einem das schaden kann

 

Weil sich die Mühe nicht lohnt

weil sie das alle gar nicht wert sind

 

“Das sind Todesursachen

zu schreiben auf unsere Gräber

 

die nicht mehr gegraben werden

wenn das die Ursachen sind

Quelle: Bernhard Trautvetter: Solange das noch geht – HINTER DEN SCHLAGZEILEN

fundevogel : Freiheit oder Tod! (bebildertes Wort zum Sonntag) | GERDA KAZAKOU

Oh, wir armen Kartoffeln!

Wie wird es uns ergehen?

Haben wir noch eine Zukunft?

Vor allem, wenn wir keine mainstream-Kartoffel sind???

GERDA KAZAKOU

„Wacht auf, schon hat man uns geschält! Wie Schafe geschoren! Bald wird man uns zerstückeln und braten, wenn wir uns nicht wehren!“

Und siehe! Sie organisierten sich, schlossen sich zusammen, bereit, wie ein Mann zu kämpfen um Leben und Kartoffelwürde. Freiheit oder Tod!

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fundevogel : Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten | Sätze & Schätze

Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten.
Zutiefst berührt war Gastautorin Gudrun Glock von diesem Buch: Bärbel Schröder erzählt von den letzten Jahren ihrer Mutter, poetisch und ohne Pathos.

Quelle: Mutterzeit: Eine Autorin berichtet vom Glück, ihre Mutter beim Altwerden zu begleiten – Sätze & Schätze

Zu Hiroshima und Nagasaki: Das Gedächtnis der Menschheit | Bert Brecht

Das Gedächtnis der Menschheit

Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.

Die Beschreibungen,
die der New Yorker
von den Gräueln der Atombombe erhielt,
schreckten ihn anscheinend nur wenig.
Der Hamburger ist noch umringt von den Ruinen,
und doch zögert er,
die Hand gegen einen neuen Krieg zu erheben.
Die weltweiten Schrecken der vierziger Jahre scheinen vergessen.
Der Regen von gestern macht uns nicht nass sagen viele.

Diese Abgestumpftheit ist es,
die wir zu bekämpfen haben,
ihr äußerster Grad ist der Tod.
Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote,
wie Leute, die schon hinter sich haben,
was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.

Und doch wird nichts mich davon überzeugen,
dass es aussichtslos ist,
der Vernunft gegen ihre Feinde beizustehen.
Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde!
Lasst uns die Warnungen erneuern,
und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!
Denn der Menschheit drohen Kriege,
gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind,
und sie werden kommen ohne jeden Zweifel,
wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten,
nicht die Hände zerschlagen werden.

– Bertolt Brecht – geschrieben 1952

 

1952, sieben Jahre nach den Verbrechen von Hiroshima und Nagasaki, richtete Bertolt Brecht diese Mahnung an den „Völkerkongress für den Frieden“ in Wien.
Leider auch heute noch sehr aktuell.

Der Traum ist aus | Rio Reiser

Ich hab geträumt, der Winter wär‘ vorbei,
du warst hier und wir war’n frei
und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlieren.
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren.
Das war das Paradies.

Refrain:
Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.
Aber Ich werde alles geben , dass er Wirklichkeit wird.

Ich hab geträumt, der Krieg wär‘ vorbei,
du warst hier, und wir war’n frei
und die Morgensonne schien.
Alle Türen war’n offen, die Gefängnisse leer.
Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr.
Das war das Paradies!

Refrain:
Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.
Aber Ich werde alles geben , dass er Wirklichkeit wird.

Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher,
dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht. Dieses Land ist es nicht.

Der Traum ist ein Traum, zu dieser Zeit,
doch nicht mehr lange, mach dich bereit
für den Kampf um’s Paradies!
Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst,
es ist unsere Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

Refrain:
Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird.
Aber Ich werde alles geben , dass er Wirklichkeit wird.

Wirklichkeit …

Quelle: https://riolyrics.de/song/id:44

 

Bekenntnis – Wir bekennen unser Schweigen, wo auf unser Schreien gewartet wird | Jacqueline Keune

Bekenntnis

Wir bekennen unsere Geduld
wo die Zeit gedrängt hat.

Wir bekennen unsere Höflichkeit
wo Hinstehen gefragt war.

Wir bekennen unsere Ausflüchte
wo mit uns gerechnet wurde.

Wir bekennen,
dass wir Haltung bewahrt haben
wo wir aus der Haut hätten fahren müssen
und dass wir zu verstehen suchten
wo es nichts zu verstehen gab.

Wir bekennen unsere Diskretion
wo wir Klartext reden
und unsere guten Manieren
wo wir auf den Tisch hauen sollten.

Wir bekennen unser Schweigen
wo auf unser Schreien gewartet wird.

Und dass wir unablässig dich bitten
wo die Veränderung in unseren Händen liegt.

AMEN.

 

Jacqueline Keune, Scheunen voll Wind, Gebete und Gedichte, 2016

Jacqueline Keune Scheunen voll Wind

Predigt mit Joh 9,1-7 – Heilung eines Blindgeborenen

Liebe Gemeinde,

„viele Leute fragen mich,

warum ich blind geboren wurde.

Meine Eltern und Geschwister haben mich verlassen.

Sie sperren mich im Zimmer ein.

Sie geben mir zu essen,

so wie sie einem Tier zu fressen gäben.

Sie schämen sich meiner vor ihrer Familie. (…)

Meinem traurigen Schicksal bin ich überlassen.

Mein Leben hat doch keinen Sinn.

Besser wäre es zu sterben.

In dieser lieblosen Welt blicke zum Himmel.

Doch ich sehe nichts!

Nichts, rein gar nichts.

Nur Dunkelheit.

Ich frage mein Herz:

Warum nur bin ich blind geboren? (…)“

(Text: Daniel Dipinda (Papa Dallo), Übersetzung aus dem Französischen: Edeltraud Strugholtz, Facebook: Petite Flamme RD Congo – AECOM asbl)

Berührend, dieses Lied des afrikanischen Jungen Daniel Dipinda aus dem Kongo. Entstanden in einer Blindenklasse.

Blind geboren. Ein besonderes Schicksal. Heutzutage vielleicht nicht mehr so schwer wie zu Jesu Zeiten. Möglicherweise kennen Sie eine Blinde, einen Blinden? Und haben so eine Ahnung, wie das Leben wohl ist – ohne sehen zu können? Kaum vorzustellen für Sehende. Nichts sehen, nie!

Wenn wir als Kinder „Blinde Kuh“ spielten oder andere Spiele, bei denen die Augen verbunden wurden, haben wir für kurze Momente erfahren, wie das ist, nichts zu sehen. Ich erinnere mich gut, wie schnell ich meist versuchte, die fehlende Sicht durch andere Sinne auszugleichen: Ich fühlte deutlicher. Mein Geruchssinn steigerte sich. Ich hörte lauter. Mein Tastsinn verbesserte sich.

Als Blindgeborene vollbringt mein Körper dies von Anfang an. Allein schon: stehen zu lernen, das Gleichgewicht finden – ohne zu sehen – eine Höchstleistung! Auch meine innere Welt, meine Gedanken, meine Vorstellungen sähen ganz anders aus. Welche Bilder wohl Blindgeborene im Kopf haben?

Blind geboren. Ein Kind kommt zur Welt, ohne Augenlicht. Ein schwieriges Schicksal. Auch für die Familie. Auch heutzutage noch. Wie verzweifelt, wie unglücklich die Eltern sind. Wie schwierig ist es oft, dieses Schicksal anzunehmen! Wie wunderbar, wenn Eltern, wenn der ganzen Familie das liebende, herzliche Ja zur ihrem Kind gelingt! Wenn sie unterstützt werden, kompetente Hilfen erhalten, und ihrem blinden Kind liebevoll und mitfühlend den Weg ins Leben bahnen!

Blind geboren. Ohne Augenlicht. Ein schwieriges Schicksal. Heute und auch damals, zu Jesu Zeiten. Das Johannesevangelium erzählt von einem blind Geborenen und seiner Heilung. Aufgeschrieben im Kapitel 9:

JOHANNES 9,1 Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. 2 Und seine Jüngerinnen und Jünger fragten ihn und sagten: „Rabbi, wer hat Unrecht getan: Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ 3 Jesus antwortete: „Weder hat dieser Unrecht getan noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden. 4 Wir müssen die Werke Gottes tun, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann. 5 Wenn ich in der Welt bin, bin ich Licht der Welt.“ 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich ihm den Brei auf die Augen 7 und sagte ihm: „Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“ – was übersetzt ‚Gesandter‘ heißt. Er ging also weg und wusch sich und kam sehend zurück. BIGS 2011

Um die Heilung eines blind Geborenen geht es. Um seinen Weg ins Licht. Zum Licht. Zum Licht der Welt.

Ich versuche mir die Szene vorzustellen. Ein Blinder, von Geburt an blind, sitzt am Weg, nicht weit weg vom Tempel, vielleicht am Zugang dorthin. Er bettelt. Muss so für seinen Lebensunterhalt sorgen, auf sich allein gestellt. Ich sehe ihn da sitzen, wie er die Hand hält und bettelt, in der Nähe des Tempels. Da ist immer viel los.

Menschen wie Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger, die gerade aus dem Tempel kommen. Und Menschen auf dem Weg dorthin. Menschen, die vorübergehen. Der Blindgeborene nimmt sie wahr, schnuppert die Gerüche, die sie mit sich tragen, spürt die Luftbewegung, die sie im Gehen verursachen, und hört sie – ja, vor allem wohl hört er sie. Ihre Schritte, ihren Atem, ihre Worte. Menschen, wie sie über ihn sprechen.

Noch mehr hört er. Die Münzen. Manche geben ihm etwas. Wichtig sind die Münzen, die barmherzige Menschen ihm vor die Füße werfen. Auf den klirrenden Ton der Münzen gibt er besonders acht. Bei diesem Geräusch muss er schnell reagieren, das Geld an sich nehmen, bevor es gestohlen wird, das Geld, von dem er lebt, aus dem er seinen ärmlichen Lebensunterhalt bestreitet. Bis auf ein paar kleine Münzen, die er immer vor sich liegen hat, weil sie die Vorübergehenden erinnern, sie einladen, gute Werke zu tun. Auch an diesem Tag sitzt er da, als Jesus vorübergeht mit seinen Freundinnen und Freunden. Alles wie immer, alles normal.

Doch dann stoppt diese Gruppe mit Jesus, ist doch noch nicht ganz vorbei. Und er hört, wie Jüngerinnen und Jünger sagen: „Rabbi, wer hat Unrecht getan: Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2 BigS 2011)

Ob er wohl innerlich gestaunt hat? „Die haben mich gesehen!“ „Die reden von mir?“ „Die beachten mich?!“ Vielleicht auch: „Ach ja, immer diese Frage, die ich schon von klein auf ertragen muss!“ „Immer diese Schuldfrage!“ „Wer hat Unrecht getan?“ „Ich oder meine Eltern?“ „Ist doch klar: Gott straft!“

Und ich stelle mir vor, wie sich die Sinne des blind Geborenen nochmals schärfer gestellt haben. Jetzt bloß nicht die Antwort verpassen! Wie er genau hinhört, was die da oben sagen: „Weder hat dieser Unrecht getan noch seine Eltern.“ (Joh 9,3 BigS 2011)

Welche Entspannung für seine Seele! Niemand, keiner ist schuld! Nicht er selbst, nicht seine Eltern! „Ganz schön mutig, dieser Mann, das hier laut zu sagen! Hier, wo doch alle felsenfest überzeugt sind: Behinderung und Krankheit, da muss ein Unrecht, muss doch eine Sünde, eine Schuld dahinterstecken! – Gott wird schon wissen, warum er so hart straft!“

Der Mann spricht noch weiter: „Sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011)

Erst mal nachdenken: „Gottes Werke? Sichtbar werden an mir? An mir, hier unten im Straßendreck? An mir, der ich kümmerlich mein Dasein friste? An mir, der ich Tag für Tag mir kaum genug zum bloßen Überleben zusammenbettele? Der ich mir dazu fast täglich noch dazu das Gerede der Menschen über mich anhören muss? An mir sollen die Werke Gottes sichtbar werden?“

Da hört er den Mann schon weitersprechen: „Wir müssen die Werke Gottes tun, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann.“ (Joh 9,4 BigS 2011)

Das leuchtet ihm sofort ein. Das hat er in seinem Leben lange schon begriffen: Für die Sehenden ist es schwer, im Dunkeln etwas zu tun. Auch wenn für ihn immer Nacht ist – Tag und Nacht.

Jetzt ist Tag, das weiß der Blinde. Er spürt das Sonnenlicht auf seiner Haut, erlebt die tägliche Betriebsamkeit. Jetzt ist Tag, Zeit für die Werke Gottes, Zeit, dass sie getan werden. In ihm arbeitet es: „Dieser Mann, der weiß, wovon er spricht. Der ist ernst zu nehmen. Der hat meine Eltern und mich nicht verurteilt.“

Wie befreiend ist das wohl? War er selbst nicht auch überzeugt gewesen, dass seine Blindheit eine Strafe Gottes ist? Für welche Schuld auch immer? Wir Heutigen meinen leicht: Das ist doch ganz klar, was Jesus da sagt. Dass Behinderung und Krankheit keine Strafe Gottes sind. Und doch habe ich vor kurzem noch von einem Kranken gehört: „Warum er (Pfeil nach oben) mir das alles zumutet …?!“ Oder eine fragt sich: „Was habe ich bloß falsch gemacht?“ Kranke fragen: „Warum bestraft mich Gott?“ Behinderte sagen: „Bestimmt habe ich es verdient!“

Und Mütter fragen sich: „Was habe ich während der Schwangerschaft bloß falsch gemacht?“, wenn es nach der Geburt ihres Kindes heißt: „Leider müssen wir Ihnen sagen, dass …““

So stark ist es, dies alte Bild vom strafenden, züchtigenden Gott, dass es weiterlebt, bis heute. Wie befreiend darum Jesu Worte auch für uns heute!

Wie befreiend für den blind Geborenen! Der weiter zuhört, als dieser Mann sagt: „Wenn ich in der Welt bin, bin ich Licht der Welt.“ (Joh 9,5 BigS 2011)

Da ist einer, der das Licht der Welt ist, wenn er in der Welt ist. Der Gottes Werke tun will, solange es Tag ist. Gottes Werke. Auch am Sabbattag. Der seinen Worten Taten folgen lässt, sofort, ganz unmittelbar: „Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich ihm den Brei auf die Augen.“ (Joh 9,6 BigS 2011)

Jesus geht ins Handeln. Arbeitet. Einen Brei anzurühren ist ausdrücklich verboten am Sabbat. Jesus arbeitet. Spuckt auf die Erde. Geht in die Hocke, so wie sich eine Mutter zu ihrem Kind auf die Erde setzt. Jesus macht sich klein, sanftmütig, großmütig, demütig. Begibt sich auf Augenhöhe mit dem bettelnden Blinden, der das sicher spürt, wie er da zu ihm herunterkommt, sich auf eine Ebene mit ihm begibt, sich auf ihn einlässt.

Jesus macht sich klein, macht sich so dem Blindgeborenen ebenbürtig, nimmt ihn ernst. Macht sich klein. Geht in die tiefe Hocke. Berührt die Erde, den Staub, dort, wo er hingespuckt hat, arbeitet mit seinen Händen. Mantscht einen Brei aus Speichel und Dreck,

eine Augensalbe, damals ein übliches Medikament gegen Augenleiden.

Jesus fragt nicht erst groß. Streicht dem Blindgeborenen wortlos den Brei auf die Augen. Als er fertig ist, sagt er: „Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“ (Joh 9,7a BigS 2011)

Nun stehen beide auf. Und der Blinde tut einfach, vertraut. Er hat jetzt genug erlebt mit diesem Mann, der sich ohne große Umstände zu ihm herabgelassen hat, der ihn behandelt hat wie ein guter Arzt. Der gut gesprochen hat, lösende Worte, befreiend. Den Weg zum Teich kennt er gut, ist Schiloach doch der große Wasserspeicher in Jerusalem. „Er ging also weg und wusch sich und kam sehend zurück.“ (Joh 9,7c BigS 2011)

Jesus, Licht der Welt, rettet und heilt, schenkt ihm das Augenlicht, ohne darum gebeten worden zu sein. Macht ihn sehend, denn „die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011)

Gott nah, niemals Gott fern, und den Menschen nah, so handelt Jesus. Und fragt auch nicht erst den Glauben des Blinden ab. Bedingungslos wendet er sich zu. Erlösend. Befreiend.

Die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011) sagt Jesus und drückt damit aus: Alles, alles, was da ist, auch diese Kranke und jener Behinderte, alle tragen etwas in sich, was die Werke Gottes sichtbar, spürbar erfahrbar machen soll. In seinem Licht leben. Nicht sehend blind durch dieses Leben gehen. Sondern alles in einem neuen Licht ansehen. Wie dann und wann die Werke Gottes an uns sichtbar werden.

„Ich frage mein Herz:

Warum nur bin ich blind geboren?“

So das klagende Lied des afrikanischen Jungen aus dem Kongo.

Der Text geht so weiter:

„Haben meine Eltern gesündigt? Oder meine Vorfahren?

Oder ich selbst?

Und mein Herz antwortet mir:

Du bist blind,

damit die Werke Gottes durch Dich offenbar werden.

Oh! Welche Freude, das zu wissen.

Da finde ich von Neuem meine Würde.

Denn Gott liebt dich unendlich!

Diese Sicherheit macht uns zu allem fähig.

Dazu aber brauchen wir Eure bedingungslose Liebe.

Nur mit dem Herzen sieht man wirklich gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

(Text: Daniel Dipinda (Papa Dallo) Übersetzung aus dem Französischen: Edeltraud Strugholtz. Facebook: Petite Flamme RD Congo – AECOM asbl)

Amen.

 

fundevogel : Momentaufnahmen | weiterAtmen – Ade!

Ihr letzter Blog-Eintrag.
Gerade erfahre ich (https://totenhemd.wordpress.com/2020/08/03/31-3-brigitte-becker-augapfelmassage-2/) dass Brigitte Becker heingegangen ist.
Rest in Peace … und Gute Reise … und Herzliches Willkommen in Gottes mütterlichen Armen! Ade!

weiteratmen

wie eine Surferin auf der Riesenwelle

vollkommen im Takt mit der Dynamik des Blau

ohne ein Zögern

hingegeben an den endlosen Moment

bis sie in die Tiefe stürzt

und

wie eine Nacktschnecke

auf eigener Spur

beinahe unbeobachtet

bis sie liegen bleibt

und zugleich

wie eine Auster im Ozean treibend

aus Versehen Fahrt aufgenommen

in diesem Gefährt

ziemlich oft überspült

wartend ohne rechten Grund.

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