Mascha Kaleko, Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da
sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie
das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der anderen muss man
leben.

(Mascha Kaléko: Verse für Zeitgenossen. Erstveröffentlichung: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft, München)