Mein Corona-ICH

Alles ist anders.

Mein ICH auch.
Ich glaube, ich habe ein Corona-ICH.
Das neue ICH ist müder als ich,
von Dingen die eigentlich keine Kraft kosten sollten.
ICH lässt den Wäscheberg tagelang liegen,
obwohl mehr Zeit dafür wäre als vorher
und an anderen Tages
putzt es 10 Fenster und räumt den Dachboden auf.
Es ist ein Warte-ICH,
das immerzu wartet.
Ein überflutetes ICH
mit Zahlen und Bildern,
süchtig nach den nächsten Perlen
an der Kette der Unheilsbotschaften.
Das ICH
würde gerne tagsüber im Bett liegen,
vielleicht einfach Winterschlaf machen
und in Monaten erst wieder aufwachen.
Dann lieber in einer Welt, die Verlässlichkeit bietet,
in der man Pläne machen kann
über den nächsten Tag hinaus.
Mein Corona-ICH
würde gerne tiefer atmen,
im Supermarkt Menschen umarmen
oder fett mit 20 Freunden auf einmal Kaffee trinken.
Das Chorona-ICH
ist eine Art Krisen-ICH,
das innerlich unter den Tisch geklettert ist.
Es sucht manchmal
vergeblich nach einer Spur im Tag,
hat kein richtiges Zeitgefühl mehr
und sitzt manchmal nur so da.
Das hätte es früher bestimmt nicht gemacht.
Dieses andere ICH fragt sich,
was mein eigentliches Ich gerade machen würde
und hat Sehnsucht nach ihm.
An manchen Tagen kratzt es Goldstaub von Sternen
und streut ihn auf den Weg.

Quelle: Menschensammlerin: Mein Corona-ICH