Liebe Gemeinde,

„viele Leute fragen mich,

warum ich blind geboren wurde.

Meine Eltern und Geschwister haben mich verlassen.

Sie sperren mich im Zimmer ein.

Sie geben mir zu essen,

so wie sie einem Tier zu fressen gäben.

Sie schämen sich meiner vor ihrer Familie. (…)

Meinem traurigen Schicksal bin ich überlassen.

Mein Leben hat doch keinen Sinn.

Besser wäre es zu sterben.

In dieser lieblosen Welt blicke zum Himmel.

Doch ich sehe nichts!

Nichts, rein gar nichts.

Nur Dunkelheit.

Ich frage mein Herz:

Warum nur bin ich blind geboren? (…)“

(Text: Daniel Dipinda (Papa Dallo), Übersetzung aus dem Französischen: Edeltraud Strugholtz, Facebook: Petite Flamme RD Congo – AECOM asbl)

Berührend, dieses Lied des afrikanischen Jungen Daniel Dipinda aus dem Kongo. Entstanden in einer Blindenklasse.

Blind geboren. Ein besonderes Schicksal. Heutzutage vielleicht nicht mehr so schwer wie zu Jesu Zeiten. Möglicherweise kennen Sie eine Blinde, einen Blinden? Und haben so eine Ahnung, wie das Leben wohl ist – ohne sehen zu können? Kaum vorzustellen für Sehende. Nichts sehen, nie!

Wenn wir als Kinder „Blinde Kuh“ spielten oder andere Spiele, bei denen die Augen verbunden wurden, haben wir für kurze Momente erfahren, wie das ist, nichts zu sehen. Ich erinnere mich gut, wie schnell ich meist versuchte, die fehlende Sicht durch andere Sinne auszugleichen: Ich fühlte deutlicher. Mein Geruchssinn steigerte sich. Ich hörte lauter. Mein Tastsinn verbesserte sich.

Als Blindgeborene vollbringt mein Körper dies von Anfang an. Allein schon: stehen zu lernen, das Gleichgewicht finden – ohne zu sehen – eine Höchstleistung! Auch meine innere Welt, meine Gedanken, meine Vorstellungen sähen ganz anders aus. Welche Bilder wohl Blindgeborene im Kopf haben?

Blind geboren. Ein Kind kommt zur Welt, ohne Augenlicht. Ein schwieriges Schicksal. Auch für die Familie. Auch heutzutage noch. Wie verzweifelt, wie unglücklich die Eltern sind. Wie schwierig ist es oft, dieses Schicksal anzunehmen! Wie wunderbar, wenn Eltern, wenn der ganzen Familie das liebende, herzliche Ja zur ihrem Kind gelingt! Wenn sie unterstützt werden, kompetente Hilfen erhalten, und ihrem blinden Kind liebevoll und mitfühlend den Weg ins Leben bahnen!

Blind geboren. Ohne Augenlicht. Ein schwieriges Schicksal. Heute und auch damals, zu Jesu Zeiten. Das Johannesevangelium erzählt von einem blind Geborenen und seiner Heilung. Aufgeschrieben im Kapitel 9:

JOHANNES 9,1 Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. 2 Und seine Jüngerinnen und Jünger fragten ihn und sagten: „Rabbi, wer hat Unrecht getan: Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ 3 Jesus antwortete: „Weder hat dieser Unrecht getan noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden. 4 Wir müssen die Werke Gottes tun, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann. 5 Wenn ich in der Welt bin, bin ich Licht der Welt.“ 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich ihm den Brei auf die Augen 7 und sagte ihm: „Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“ – was übersetzt ‚Gesandter‘ heißt. Er ging also weg und wusch sich und kam sehend zurück. BIGS 2011

Um die Heilung eines blind Geborenen geht es. Um seinen Weg ins Licht. Zum Licht. Zum Licht der Welt.

Ich versuche mir die Szene vorzustellen. Ein Blinder, von Geburt an blind, sitzt am Weg, nicht weit weg vom Tempel, vielleicht am Zugang dorthin. Er bettelt. Muss so für seinen Lebensunterhalt sorgen, auf sich allein gestellt. Ich sehe ihn da sitzen, wie er die Hand hält und bettelt, in der Nähe des Tempels. Da ist immer viel los.

Menschen wie Jesus und seine Jüngerinnen und Jünger, die gerade aus dem Tempel kommen. Und Menschen auf dem Weg dorthin. Menschen, die vorübergehen. Der Blindgeborene nimmt sie wahr, schnuppert die Gerüche, die sie mit sich tragen, spürt die Luftbewegung, die sie im Gehen verursachen, und hört sie – ja, vor allem wohl hört er sie. Ihre Schritte, ihren Atem, ihre Worte. Menschen, wie sie über ihn sprechen.

Noch mehr hört er. Die Münzen. Manche geben ihm etwas. Wichtig sind die Münzen, die barmherzige Menschen ihm vor die Füße werfen. Auf den klirrenden Ton der Münzen gibt er besonders acht. Bei diesem Geräusch muss er schnell reagieren, das Geld an sich nehmen, bevor es gestohlen wird, das Geld, von dem er lebt, aus dem er seinen ärmlichen Lebensunterhalt bestreitet. Bis auf ein paar kleine Münzen, die er immer vor sich liegen hat, weil sie die Vorübergehenden erinnern, sie einladen, gute Werke zu tun. Auch an diesem Tag sitzt er da, als Jesus vorübergeht mit seinen Freundinnen und Freunden. Alles wie immer, alles normal.

Doch dann stoppt diese Gruppe mit Jesus, ist doch noch nicht ganz vorbei. Und er hört, wie Jüngerinnen und Jünger sagen: „Rabbi, wer hat Unrecht getan: Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2 BigS 2011)

Ob er wohl innerlich gestaunt hat? „Die haben mich gesehen!“ „Die reden von mir?“ „Die beachten mich?!“ Vielleicht auch: „Ach ja, immer diese Frage, die ich schon von klein auf ertragen muss!“ „Immer diese Schuldfrage!“ „Wer hat Unrecht getan?“ „Ich oder meine Eltern?“ „Ist doch klar: Gott straft!“

Und ich stelle mir vor, wie sich die Sinne des blind Geborenen nochmals schärfer gestellt haben. Jetzt bloß nicht die Antwort verpassen! Wie er genau hinhört, was die da oben sagen: „Weder hat dieser Unrecht getan noch seine Eltern.“ (Joh 9,3 BigS 2011)

Welche Entspannung für seine Seele! Niemand, keiner ist schuld! Nicht er selbst, nicht seine Eltern! „Ganz schön mutig, dieser Mann, das hier laut zu sagen! Hier, wo doch alle felsenfest überzeugt sind: Behinderung und Krankheit, da muss ein Unrecht, muss doch eine Sünde, eine Schuld dahinterstecken! – Gott wird schon wissen, warum er so hart straft!“

Der Mann spricht noch weiter: „Sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011)

Erst mal nachdenken: „Gottes Werke? Sichtbar werden an mir? An mir, hier unten im Straßendreck? An mir, der ich kümmerlich mein Dasein friste? An mir, der ich Tag für Tag mir kaum genug zum bloßen Überleben zusammenbettele? Der ich mir dazu fast täglich noch dazu das Gerede der Menschen über mich anhören muss? An mir sollen die Werke Gottes sichtbar werden?“

Da hört er den Mann schon weitersprechen: „Wir müssen die Werke Gottes tun, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand wirken kann.“ (Joh 9,4 BigS 2011)

Das leuchtet ihm sofort ein. Das hat er in seinem Leben lange schon begriffen: Für die Sehenden ist es schwer, im Dunkeln etwas zu tun. Auch wenn für ihn immer Nacht ist – Tag und Nacht.

Jetzt ist Tag, das weiß der Blinde. Er spürt das Sonnenlicht auf seiner Haut, erlebt die tägliche Betriebsamkeit. Jetzt ist Tag, Zeit für die Werke Gottes, Zeit, dass sie getan werden. In ihm arbeitet es: „Dieser Mann, der weiß, wovon er spricht. Der ist ernst zu nehmen. Der hat meine Eltern und mich nicht verurteilt.“

Wie befreiend ist das wohl? War er selbst nicht auch überzeugt gewesen, dass seine Blindheit eine Strafe Gottes ist? Für welche Schuld auch immer? Wir Heutigen meinen leicht: Das ist doch ganz klar, was Jesus da sagt. Dass Behinderung und Krankheit keine Strafe Gottes sind. Und doch habe ich vor kurzem noch von einem Kranken gehört: „Warum er (Pfeil nach oben) mir das alles zumutet …?!“ Oder eine fragt sich: „Was habe ich bloß falsch gemacht?“ Kranke fragen: „Warum bestraft mich Gott?“ Behinderte sagen: „Bestimmt habe ich es verdient!“

Und Mütter fragen sich: „Was habe ich während der Schwangerschaft bloß falsch gemacht?“, wenn es nach der Geburt ihres Kindes heißt: „Leider müssen wir Ihnen sagen, dass …““

So stark ist es, dies alte Bild vom strafenden, züchtigenden Gott, dass es weiterlebt, bis heute. Wie befreiend darum Jesu Worte auch für uns heute!

Wie befreiend für den blind Geborenen! Der weiter zuhört, als dieser Mann sagt: „Wenn ich in der Welt bin, bin ich Licht der Welt.“ (Joh 9,5 BigS 2011)

Da ist einer, der das Licht der Welt ist, wenn er in der Welt ist. Der Gottes Werke tun will, solange es Tag ist. Gottes Werke. Auch am Sabbattag. Der seinen Worten Taten folgen lässt, sofort, ganz unmittelbar: „Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich ihm den Brei auf die Augen.“ (Joh 9,6 BigS 2011)

Jesus geht ins Handeln. Arbeitet. Einen Brei anzurühren ist ausdrücklich verboten am Sabbat. Jesus arbeitet. Spuckt auf die Erde. Geht in die Hocke, so wie sich eine Mutter zu ihrem Kind auf die Erde setzt. Jesus macht sich klein, sanftmütig, großmütig, demütig. Begibt sich auf Augenhöhe mit dem bettelnden Blinden, der das sicher spürt, wie er da zu ihm herunterkommt, sich auf eine Ebene mit ihm begibt, sich auf ihn einlässt.

Jesus macht sich klein, macht sich so dem Blindgeborenen ebenbürtig, nimmt ihn ernst. Macht sich klein. Geht in die tiefe Hocke. Berührt die Erde, den Staub, dort, wo er hingespuckt hat, arbeitet mit seinen Händen. Mantscht einen Brei aus Speichel und Dreck,

eine Augensalbe, damals ein übliches Medikament gegen Augenleiden.

Jesus fragt nicht erst groß. Streicht dem Blindgeborenen wortlos den Brei auf die Augen. Als er fertig ist, sagt er: „Geh, wasche dich im Teich Schiloach!“ (Joh 9,7a BigS 2011)

Nun stehen beide auf. Und der Blinde tut einfach, vertraut. Er hat jetzt genug erlebt mit diesem Mann, der sich ohne große Umstände zu ihm herabgelassen hat, der ihn behandelt hat wie ein guter Arzt. Der gut gesprochen hat, lösende Worte, befreiend. Den Weg zum Teich kennt er gut, ist Schiloach doch der große Wasserspeicher in Jerusalem. „Er ging also weg und wusch sich und kam sehend zurück.“ (Joh 9,7c BigS 2011)

Jesus, Licht der Welt, rettet und heilt, schenkt ihm das Augenlicht, ohne darum gebeten worden zu sein. Macht ihn sehend, denn „die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011)

Gott nah, niemals Gott fern, und den Menschen nah, so handelt Jesus. Und fragt auch nicht erst den Glauben des Blinden ab. Bedingungslos wendet er sich zu. Erlösend. Befreiend.

Die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.“ (Joh 9,3b BigS 2011) sagt Jesus und drückt damit aus: Alles, alles, was da ist, auch diese Kranke und jener Behinderte, alle tragen etwas in sich, was die Werke Gottes sichtbar, spürbar erfahrbar machen soll. In seinem Licht leben. Nicht sehend blind durch dieses Leben gehen. Sondern alles in einem neuen Licht ansehen. Wie dann und wann die Werke Gottes an uns sichtbar werden.

„Ich frage mein Herz:

Warum nur bin ich blind geboren?“

So das klagende Lied des afrikanischen Jungen aus dem Kongo.

Der Text geht so weiter:

„Haben meine Eltern gesündigt? Oder meine Vorfahren?

Oder ich selbst?

Und mein Herz antwortet mir:

Du bist blind,

damit die Werke Gottes durch Dich offenbar werden.

Oh! Welche Freude, das zu wissen.

Da finde ich von Neuem meine Würde.

Denn Gott liebt dich unendlich!

Diese Sicherheit macht uns zu allem fähig.

Dazu aber brauchen wir Eure bedingungslose Liebe.

Nur mit dem Herzen sieht man wirklich gut.

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

(Text: Daniel Dipinda (Papa Dallo) Übersetzung aus dem Französischen: Edeltraud Strugholtz. Facebook: Petite Flamme RD Congo – AECOM asbl)

Amen.