Mein Sterbelied

Die Nacht ist weich von Rosensanftmut …

Komm gieb mir Deine beiden Hände her,

Mein Herz pocht spät

Und durch mein Blut

Wandert die letzte Nacht und geht

Und naht so weit und ewig wie ein Meer.

Und hast Du mich so sehr geliebt,

So nimm das Jubelndste von Deinem Tag,

Gieb mir, was keine Wolke trübt,

Das Gold von seinem frühsten Lenzschein …

Es wallen Harmonien aus der Nachtlandferne

Ich ziehe ein

Und werde Leben sein

Und Leben mich an Leben schmiegen,

Wenn über mir Paradiessterne

Ihre ersten Menschen wiegen.

 

Else Lasker-Schüler

aus: Der siebente Tag. Gedichte von Else Lasker-Schüler. Verlag des Vereins für Kunst – Berlin im Jahre 1905

Amelangsche Buchhandlung – Charlottenburg