Gottes Liebling

Öffne mir die Augen“ bete ich mit dem 119. Psalm. Wenn wir unsere Augen öffnen, was sehen sie dann? Vielleicht lauter Menschen, die verwirrt sind? Oder Menschen, die Spaß haben miteinander? Vielleicht Menschen, die sich mal übereinander ärgern? Oder lauter Menschen, die sich aneinander freuen?

Meine Augen sehen Menschen. Ganz unterschiedliche Menschen, mit verschiedenen Meinungen Angefüllt mit Gefühlen verschiedenster Art: mit Freuden und mit Sorgen, Ängsten und Glückseligkeiten. Meine Augen sehen Menschen, die aufmerksam zuhören. Und immer wieder auch Menschen, die lange vor sich hin starren, so als ob sie träumen. Nicht die ganze Zeit, aber immer mal wieder.

Träumen mit offenen Augen. Vom gemeinsamem Christsein. Von gemeinsamen Gottesdiensten, ganz ungezwungen. Ob es sie wieder geben wird? Aber man darf ja wohl noch träumen! Träumen muss man sogar! Träumen mit offenen Augen. Eine Ahnung bekommen, wohin die Reise gehen kann. Worauf das alles zielt. Ja. Wenn unsere Augen genau hinschauen, dann entdecken sie hoffentlich immer wieder: wie Träume mit offenen Augen Kraft und Mut und Energien freisetzen für die Zukunft.

Öffne mir die Augen”, lese ich in Psalm 119 Vers 18. Und weiter: „Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.“ Die „Wunder an deinem Gesetz.“ Gibt es an einem Gesetz Wunder? Für mich ist „Gesetz“ ein Wort, da denke ich an „Du musst!“ An Vorschriften. Und vor allem an Strafen, die mich erwarten, wenn ich gegen ein Gesetz verstoße: Bußgelder und Gefängnisstrafen. Und das soll ein Platz für Wunder sein?

Der Psalm meint wohl anderes. Viel mehr. Der Psalm meint Gottes „Weisungen“. Die Zehn Gebote – und noch mehr als das. Im hebräischen Text steht dort das Wort “tora”. “Tora” umfasst die fünf Bücher Mose mit all ihren Geschichten. Alle Gottesgeschichten von Adam und Eva über die Sintflut und Noah, Abraham und Sara, Josef und seine Brüder, bis hin zu Mose und Mirjam und dem Auszug aus Ägypten. Geschichten über menschliche Größe. Von menschlichen Fehlern, Mord und Geschwisterstreit. Über Liebe und Befreiung. Von Flucht und Genörgel und Geboten – all das meint „Gesetz“, „Tora“.

Und was ist jetzt das „Wunder an deinem Gesetz“? Wenn ich mir die ganze Tora, alle fünf Bücher Mose anschaue, dann ist alles darin, was wir Menschen zu bieten haben. Alles Gute und alles Schlechte. Und mitten darin ist Gott und bleibt Gott. Und wir Menschen sind Gottes Lieblinge.

Gottes Liebling hellblau

Das Wunder ist, dass in den menschlichen Geschichten immer wieder Energien frei werden. Für Neues, für Unbekanntes. Energie auch für liebendes Sorgen. Da kommt Freiheitsdrang auf. Man wehrt sich gegen ungerechte Behandlung. Da wird Segen weitergegeben. Gottes helfende Kraft wird in den menschlichen Geschichten spürbar. Das ist das Wunder an Gottes Gesetz. Mitten in unseren Lebensgeschichten, spüren wir Menschen Gottes Energie. Gottes Kraft.

Und: Ja, wir Menschen bleiben Gottes Lieblinge. In unserer Welt mit allen Problemen, die wir haben. Egal, ob Krankheit oder Klima oder Hunger oder Krieg. Wir hoffen auf Gottes befreiende Kraft für neue Wege. Lasst Gottes Energie auch unter uns spürbar werden. Auch wenn wir unseren Glauben ganz unterschiedlich leben.

Gemeinsam unseren Glauben bekennen. Andachten feiern. Und Nachdenken. Vielleicht sogar manchmal miteinander streiten. Gemeinsam den Kopf schütteln über die komischen Vorstellungen des jeweils anderen. Aber einander erzählen. Von dem, was uns trägt im Leben. Von unsern Träumen. Gemeinsam beten und singen und Kerzen entzünden. So neue Kraft und Energie tanken. Wir Menschen, Gottes Lieblinge.

Lasst uns hinsehen, lasst uns träumen. Mit offenen Augen. Lasst uns weiter gemeinsame neue Wege gehen mit unserem befreienden Gott. Dass Mauern und Grenzen durchlässig werden. Im Kopf und im wirklichen Leben, im Alltag. Lasst uns träumen mit offenen Augen und gemeinsam unterwegs bleiben. Wir bleiben Gottes Lieblinge. Gott, öffne uns die Augen für deine Wunder!

Gottes Liebling rosa