Ein Beitrag zum Nachdenken über Rassimus bzw. Anti-Rassismus angesichts des Mordes an George Floyd. Eske Wollrad ist feministische Theologin und Denkerin.

Eske Wollrad

Der Weißheit letzter Schluss

Zur Dekonstruktion von »Weißsein«

„Fragebogen:
Leben Sie in einem vorwiegend weißen Viertel?
Hatten Sie jemals eine intime Beziehung mit einer weißen Person?
Reaktion einer weißen Studentin:
»Aber das ist doch ein Fragebogen für Farbige!«

Aus weißer Sicht ist Weißsein normal, gewöhnlich und so banal, dass es keiner Erwähnung bedarf. Ist von einem »Wohnviertel« die Rede, handelt es sich »natürlich« um ein weißes Viertel, und das wissen wir, weil es niemand benennt. Der Hinweis, ein Liebespaar sei weiß, ist völlig überflüssig – was sagt das schon aus?

Weißsein hat keinen spezifischen Inhalt, es markiert eine Leerstelle und kann – wenn überhaupt – nur negativ über das definiert werden, was es nicht ist: nicht exotisch, nicht sexuell, nicht farbig. »Farbig« sind nur die »Anderen« …“

„… Der objektivierende weiße Blick setzt voraus, dass es – per definitionem – keinen Blick zurück geben kann: Das Objekt wird betrachtet – das Subjekt betrachtet. Die Analysen von Shome und al-Samarai provozieren, weil sie zwei grundlegende Mythen von Weißsein entschleiern: erstens, dass Weißsein unsichtbar ist, und zwar für alle, nicht nur für Weiße, und zweitens die Verknüpfung von Weißsein und Unschuld.

Der erste Mythos erinnert an kleine Kinder, die sich »verstecken«, indem sie sich die Augen zuhalten und damit meinen, nur weil sie nicht sehen, auch andere sie nicht sehen. Für Weiße besteht das Skandalon in der Konfrontation mit dem Faktum, dass so genannte »Nicht-Weiße« schon immer Weiße als Weiße markiert und analysiert haben, weniger aus wissenschaftlichem Interesse, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. Shome schreibt: »Weiße […] sind häufig überrascht und wütend, wenn sie herausfinden, dass ihre alltäglichen ›normativen‹ Operationen des Weißseins oft gründlich durch ›Andere‹ markiert werden.« 13 Diese Markierungen »von außen« sind nicht nur wegen ihres Inhalts wichtig, sondern auch deshalb, weil sie die Setzung von Weißsein als Gewöhnliches, Nicht-zu-Erwähnendes, Allgemein-Menschliches durchbrechen und Weißsein erfassen, als das, was es ist: partikular, spezifisch, fremd.

13Raka Shome (1999): »Whiteness and the Politics of Location: Postcolonial Reflections«. In: Thomas K. Nakayama / Judith N. Martin (eds.): Whiteness. The Communication of Social Identity. London – New Delhi, 123. Das englische Wort operations kann mit »Tätigkeiten« übersetzt werden, birgt aber auch die Assoziationen zu chirurgischen Eingriffen und militärischen Operationen. Um diese Bedeutungsfelder einzubeziehen, habe ich »Operationen« übersetzt.

Der zweite Mythos verknüpft Weißsein mit Unschuld, welche allein durch die Beteuerung der Betrachtenden zu bewiesen zu sein scheint, sie oder er habe gute Absichten verfolgt. Es scheint, dass Konstellationen von Dominanz und Unterwerfung durch bloßen guten Willen aufgehoben werden können – es sei gemein, dem willkommen-heißenden Blick objektivierende Absichten zu unterstellen, wo er doch gut gemeint sei. Solche Stimmen beanspruchen selbstverständlich die diskursive Abtrennung des wohlmeinenden Ichs von den Strukturen, die dieses Ich überhaupt erst ermöglichen: Konstruktionen des weißen Selbst als eben »nicht-weiß«, als aparadigmatisch und verortet jenseits von Rassialisierungsprojekten. …“

Von Eske Wollrad habe ich viel gelernt.

Hier der komplette Beitrag: polylog – Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 8 (2001), 77-82