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Klang des Friedens“

Klang des Friedens, ja – wie klingt denn der Friede? Ich weiß nicht, wie die Antwort für Sie hier in der Kirche lautet? Mir kamen beim längeren Nachdenken so einige Erinnerungen und Vorstellungen.

Wie klingt der Friede?

Als Jugendliche, damals 1972, als 14jährige im Konfirmandenunterricht, haben mich folgende Friedensklänge tief beeindruckt … und sie berühren mich noch heute:

Heute sage ich euch, meine Freunde, trotz der Schwierigkeiten von heute und morgen habe ich einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist in amerikanischen Traum.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages diese Nation sich erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird: „Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich erschaffen sind.“

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Ich habe einen Traum heute . . .
Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüder und Schwestern.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauhen Orte werden geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Das ist unsere Hoffnung!“

Martin Luther Kings Traum, über 53 Jahre alt, ist bis heute für viele Menschen eine Vision des Friedens, ein Klang des Friedens! 2008 und 2012 wurde ein Schwarzer in den USA zum Präsidenten gewählt!

martin luther king

Quelle: youtube

Wie klingt Frieden?

Eine kurze bekannte rabbinische Geschichte: In einer jüdischen Legende fragt der Rabbi seinen Schüler: Wann ist der Übergang von der Nacht zum Tag? Und der gab zur Antwort: Wenn du das Gesicht eines Menschen erkennst und darin das Gesicht deines Bruders oder deiner Schwester entdeckst, dann ist die Nacht zu Ende, und der Tag ist angebrochen.“

Ja, so klingt der Friede, so wird es heller Tag, und Friede kann sein … mit dem Menschen neben mir, den ich als Mitgeschöpf Gottes erkenne und achte.

Wie klingt Frieden?

Ein Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 1943 von Dietrich Bonhoeffer – für mich ein Friedensklang:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Dieses Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer ist Teil eines längeren Textes, den Bonhoeffer 1943 unter dem Titel: „Nach zehn Jahren“ schrieb. Zehn Jahre nach der Machtergreifung Adolf Hitlers, – ein Klang des Friedens.

Auf diesem Hintergrund klingen manche der Sätze Bonhoeffers in diesem Bekenntnis plötzlich ganz anders. Vielleicht sogar provozierend:

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Auch aus dem Nationalsozialismus? Auch aus Krieg und Massenvernichtung?

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Ein harter Satz. Aus allem. Auch aus dem Bösesten. Das fällt uns schwer, nach zu sprechen. Weil alles in uns sich dagegen auflehnt.

Wir fragen doch eher: muss es das Böse wirklich geben? Muss es wirklich Hass und Vernichtung und Krieg geben? Was ist das für ein Gott, der solches zulässt?

Und doch: Wir ahnen, dass in diesen Satz eine Wahrheit verborgen liegt. Eine Wahrheit, die sich erst erschließt, wenn ich meinen Horizont überschreite. Abstand zu mir selbst bekomme. Was mir oft genug nicht leicht fällt. Doch wenn es gelingt:

was hat es mit meinem Leben auf sich? Was wird einst bleiben? Was wird von mir übrig bleiben? Glaube ich, so glaube ich doch, dass ich einst für immer Frieden finde. Und das lässt manches hier auf Erden in einem anderen Licht erscheinen.

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“ Ein Klang des Friedens.

bonhoeffer-house-berlin.net

Quelle: bonhoeffer-house-berlin.net

Wie klingt Frieden?

Noch ein letzter Klang des Friedens aus meinem Nachdenken. Über zehnmal war ich mit Konfirmandengruppe nnach Hamburg unterwegs. Unsere Fahrten hießen: Gegen das Vergessen!“ also: Erinnern – damit es nie wieder geschieht.

Es ging nach Hamburg-Neuengamme, wo heute eine Gedenkstätte an das dortige Konzentrationslager erinnert. Über 100.000 Menschen sind dort interniert gewesen aus nahezu allen europäischen Ländern, 55.000 dort umgekommen.

Dieses Lager hatte wie die vielen anderen KZ’s in Deutschland das Programm „Vernichtung durch Arbeit“. Die KZ-Häftlinge bekamen wenig zu essen, nur schlechte Bekleidung, kaum medizinische Versorgung … und mussten meist sehr schwer im Freien arbeiten. Vernichtung durch Arbeit!

Zuerst besuchten wir meist eine frühere Schule in Hamburg-Wilhemsburg, die nach dem ersten verheerenden Bombenangriff auf Hamburg 1942 als einziges Gebäude in einem dichtbesiedelten Wohngebiet stehen geblieben war, und die deshalb ein Außenlager des KZ-Neuengamme wurde, in dem KZ-Häftlinge leben mussten, die die Aufräumarbeiten erledigen mussten, also Schutt wegräumen, Leichen aus den Kellern bergen und abtransportieren …

Unser Stadtführer erzählte: 1942, da war ich 8 Jahre alt. Ich lebte hier in Hamburg. Ich habe keinen Tag im Krieg Hunger gehabt. Es gab immer genug zu essen, denn die Deutschen hatten ja genug Länder besetzt, aus denen sie Lebensmittel nach Deutschland bringen konnten.

Und wenn es Bombenalarm gab, konnte ich mich mit meiner Mutter in einen Bunker flüchten. Aber diese armen Menschen, sagte er, diese armen Menschen in den Lagern bekamen kaum zu essen, waren nur dünn bekleidet, wurden medizinisch schlecht versorgt … und bei Bombenalarm mussten sie im Freien bleiben. Das konnte ich, das konnten wir damals in Hamburg alle sehen und mitbekommen!“

gedenkstaette neuengamme

Am Gedenkort sind die Namen der 55000 Toten aus Neuengamme auf langen Fahnen zu lesen. Quelle: http://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de

Und an anderen Orten sicher auch!

Der Klang des Friedens – das ist auch und vor allem das Erinnern mit einem mitfühlenden Herzen … gegen das Vergessen! Und genauso sollten wir uns heute mit einem mitfühlenden Herzen an die Schicksale der Juden und aller Verfolgten des NS-Regimes erinnern – gegen das Vergessen!

Auch im Blick auf den Holocaust, auf die Massenvernichtung jüdischer Menschen in den Vernichtungslagern im Osten, brauchen wir das Erinnern mit einem mitfühlenden Herzen, damit dieses bodenlose Unrecht nie vergessen wird … auch das – ein Klang des Friedens.

Darum empfinde ich den 9. November als einen der wichtigsten Gedenktage unserer Zeit!

Wie klingt Frieden?

Für die Juden klingt Frieden so: Schalom! Und in diesem hebräischen Friedenswort „Schalom“ klingt der umfassende Friede an, den Gott allen Menschen und allen Völkern verspricht: Schalom, das sind Ruhe und Sicherheit, Schalom ist das Geborgenheit, Schalom, das ist das absolute Wohlergehen, Schalom bedeutet: Frieden und Gerechtigkeit. Schalom – nicht irgendwann einmal, womöglich erst in der Ewigkeit bei Gott, Schalom soll und wird schon hier auf Erden beginnen – so hat es Gott versprochen!

Schalom – lassen Sie uns jetzt hören, wie der Friede klingt … Amen.

friedenstaube