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5. Mai 2017, 9.20 Uhr

Nachruf auf eine meiner besten Freundinnen

2005 – wir holten Dich vom Tierhof. 2 Jahre warst Du alt, voller Angst, nahezu unnahbar.

Man hatte Dich ein Jahr zuvor zum Tierarzt gebracht, Du warst hochschwanger, der Doktor sollte Dich töten. Der nahm das Geld und brachte Dich ins Tierasyl. 4 wunderbaren Kätzchen schenktest Du das Leben – ich habe die Fotos gesehen – ganz schnell waren Sie alle vermittelt.

Du bliebst zurück. Dich wollte keiner, weil Du so ängstlich warst, so unzugänglich – bis wir dann kamen, im Februar 2005. So eine wunderschöne Katze! – dachte ich nur, die kommt zu mir.

Es kann doch nur besser werden. Du fandest Deinen Platzim Hauswirtschaftraum neben der Küche, zwischen den Putzeimern unter der Arbeitsplatte. Ich räumte die Eimer fort und stellte Dir ein Körbchen hin. Deinen Futterplatz richtete ich dort ein und auch für die überdachte Katzentoilettefand fand sich noch Platz in der Nähe. Das war nun erst mal Deine Welt.

Nach 4 Wochen trautest Du Dich zum ersten Mal in die Küche, dabei blieb es dann so 2 Wochen.

Minusch

Schließlich erobertest Du Dir den Flur, das Wohnzimmer, mein Arbeitszimmer und dann so nach 2 Monaten, stiegst Du mutig die Treppe hinauf – und rastest sofort wieder zurück zu Deinem Körbchen, weil Panik Dich ergriffen hatte.

Immer mutiger wurdest Du, nach und nach nahmst Du von „Deinem“ Haus Besitz. Auf den Arm genomen zu werden, war immer noch nicht Dein Ding, aber Du fandest immer mehr Gefallen daran, gestreichelt zu werden -aber bitte am besten nur am Kopf und dann vielleicht noch ein bisschen auf dem Rücken – bloß nicht am Bauch!

Fast immer schnurrtest Du, denn das hat Dich beruhigt, sogar beim Fressen war Dein Schnurren zu hören. Das hat sich nie geändert.

Es wurde wärmer, es wurde Mai, Du trautest Dich nach draußen,fandest den Weg zurück ins Haus durch die Katzenklappe in der Hintertür. Eines Morgens warst Du fort. Nach 3 Tagen erschienst Du wieder,mit einer bösen Bissverletzung eines liebeskranken Katers auf dem Rücken. Die Tierärztin hat das gut behandelt mit Antibiotika-Spritzen, Du wurdest wieder heil und gesund.

Kaum warst Du bei uns eingezogen, bekamen wir die Kündigung für das Haus wegen Eigenbedarf, mussten ein neues Haus für uns alle finden. Mitte Juli zogen wir um – nur 500 m entfernt hatten wir eine neue Bleibe gefunden. Im Mietvertrag stand: „Die Haltung einer Katze wird geduldet“. Du hast Dich wirklich gut benommen, dem Haus ist nicht viel anzusehen, dass hier eine Katze lebte.

Minusch, nach 2 Wochen – Du hattest Dich inzwischen in Deinem neuen Haus gut eingelebt – ließen wir Dich raus in Deinen Garten. Nach wie vor warst Du lieber drinnen, eine echte „Haus“-Katze eben.

Doch Anfang September warst Du plötzlich verschwunden. Wir riefen Dich, wir suchten Dich – nichts, keine Spur von Dir. Wir hängten Plakate auf mit Deinem Foto.

Schließlich ein neuer Versuch, abends, im Dunkeln, es war schon Anfang Oktober, ging ich mit meiner Tochter zum alten Haus zurück (wo ich Dich tagsüber schon öfter gesucht und gerufen hatte), und da warst Du – versteckt unter einem großen Busch, nur Deine blonde Schwanzspitze leuchtete im Dunkeln.

Du ließest Dich von der Tochter auf den Arm nehmen (!) – das einzige Mal, dass Du das zugelassen hast! – ich rannte so schnell ich konnte um das Auto zu holen für die Heimfahrt.

Halb verhungert warst Du, drei Tüten Katzenfutter hast Du heißhungrig verdrückt, bis Du Dich gesättigt und besser fühltest. Keine Ahnung, wovon Du Dich in den 4 Wochen ernährt hast? Vielleicht im Kälberstall in der Nähe mitgefressen? Schade, dass Du es uns nicht verraten konntest.

Du kamst wieder auf die Füße, bald hattest Du Dein Gewicht wieder. Nie wieder hast Du Dich zum alten Haus verlaufen. Du wurdest die Hauskatze vom neuen Haus, hattest Deine Lieblingsorte, warst gerne in meiner Nähe. Eine Schmusekatze, die gerne auf den Arm geht oder auf dem Schoß liegt bist Du nie geworden – da war wohl zu viel Schlimmes bei Deiner ersten Familie passiert?!

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Spielen war auch nicht so Dein Ding, manchmal hatte es fast den Anschein, du fühltest Dich viel zu erwachsen für solchen Kinderkram – denn heimlich, wenn Du dachtest, keinEr guckt, hast Du dann doch mit den Bällen und Spielmäusen getobt, die für Dich herumlagen… Aber auf der Lauer liegen und Mäuse jagen, das war eine große Leidenschaft, das konntest Du richtig gut.

Deine „Drogen“ haben Dir auch gut gefallen, die kleinen Katzen-Duftkissen mit Baldrian oder Katzenminze. So ab und zu ein bisschen high sein war gar nicht schlecht! Katzenminze wuchs ja auch im Garten für Dich.

Minusch draussen

Wenn wir Urlaub machten und Du fremdversorgt wurdest, warst Du immer unglücklich und hast erst mal lange und laut geschimpft, wenn ich zurück war – aber nach ein paar Stunden hattest Du Dich wieder eingekriegt, warst zufrieden, dass Deine Mutter wieder da war und mit Dir sprach, sich zu Dir setzte und Dich streichelte.

Irgendwann wurde es unser Morgenritual, dass Du zu mir ins Bett kamst und gekuschelt hast und Dich ausgiebig streicheln ließest. Das fehlt mir jetzt so sehr.  Wenn ich krank war, wichst Du kaum von meiner Seite, hast mir vor“gesungen“, mich beruhigt und in den Schlaf gewiegt.Besonders nach meinen 5 Operationen in 2007 – 2010 warst Du meine allerbeste Krankenschwester. Du wusstest, wo ich Schmerzen hatte und legtest Dich genau dort hin, manchmal mitten auf den Bauch (was ja eigentlich sonst so gar nicht „Deins“ war) – das tat so gut, das war so schön.

Wenn ich mal Mittagsschlaf machen wollte, brauchte ich nur nach oben zu gehen ins Schlafzimmer, Dich rufen, nach Dir pfeifen, dann kamst Du und wir hatten es gemütlich und schön miteinander. Mit Deinem Schnurrgesang konnte ich ganz prima entspannen und schnell in einen tiefen, kurzen Mittagschlaf finden – und dabei noch Katze streicheln! Das hat Dir auch gefallen.

Abends – manchmal auch tagsüber – warst Du gerne bei mir im Arbeitszimmer, da hattest Du einen eigenen Arbeitsstuhl und warst mir so oft eine wunderbare Muse, die so eine gute Atmosphäre verbreitete. Gerne mochtest Du auch hinter mir auf meinem Arbeitsstuhl Platz nehmen und es Dir gemütlich waren, während ich arbeitete, und wenn ich Dich außer Haus war, bist Du gerne dort liegen geblieben – so wurde eigentlich sehr,sehr viel in meinem Amtszimmer gearbeitet!

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Wir haben uns viel unterhalten. Du hast gerne gemaunzt und Geräusche gemacht und Dich über meine Antworten gefreut und Dich verstanden gefühlt – oft war es auch umgekehrt! Andere fragten oft, was ich denn gerade gesagt oder gefragt hätte – dabei hatte ich dann meist nur kurz mit Dir gesprochen.

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Beim jährlichen Besuch bei der Tierärztin (wegen der Impfungen) hatten immer Stress wegen Deines Gewichtes – „zu schwer“ – bekamen wir immer wieder zu hören. Einen Diät-Versuch habe ich gestartet, ein schreckliches halbes Jahr erinnere ich – Du warst vermutlich nie richtig satt und darum schlecht gelaunt – und da es kaum was gebracht hat, habe ich es wieder sein lassen – Dein Gewicht gehörte eben zu Dir.

Doch bei der letzten Impfung Anfang Dezember 2016 zeigte die Waage mit einem Mal 1,5 kg weniger an. Das fand die Tierärztin doch sehr viel für ein Jahr. Von Deinem Vorgänger, Mikesch, der 21 Jahre alt geworden war, hatte ich in Erinnerung, dass Katzen schon etwas leichter werden, wenn sie älter werden. In diesem Februar bist Du 14 Jahre alt geworden. Dass Du noch weiter abnahmst, hat Dein dickes Fell lange kaschiert. Du hast weiterhin gut gefressen, ich war unbesorgt.

In der letzten Aprilwoche hast Du Dich noch ganz verspielt mit einem Wollknäuel abgegeben, warst draußen in Deinem Garten, wenn die Sonne schien. Dann waren wir 3 Tage verreist und danach war alles anders. Nur noch wenig hast Du gefressen, und jetzt merkte ich auch, wie dünn Du eigentlich geworden warst.

Am 2. Mai fuhrst Du mit mir in die Notfall-Sprechstunde, die Tierärztin ertastete mehrere Tumore, Knoten im Bauch, die da gar nicht hingehörten (da durfte ich nie (!) anfassen – Dein Bauch gehörte Dir!) und diagnostizierte zudem ein Wasserbauch. Da ist nichts mehr zu machen. Sollen wir sie einschläfern? Nein, das ging so gar nicht – das war viel zu schnell.

Ich nahm Dich wieder mit nach hause, und übernahm die Palliativ-Betreuung. Immer wieder zum Futter, winzigste Mengen nahmst Du zu Dir, schlecktest mehr das Futter ab als es zu essen. Trankst Katzenmilch und Wasser. Warst sehr müde. Hast aber immer wieder laut geschnurrt, um uns alle zu beruhigen.

Der 3. Mai, Mittwoch morgen , war Dein letzter Morgen bei mir oben, irgendwie hast Du es die Treppe noch mal raufgeschafft. Ins Bett springen ging nicht mehr, aber an der geöffneten Balkontür sitzen in der Morgensonne und unter der nur etwas heraufgezogenen Jalousie in „Deinen“ Garten gucken – das hat Dir gut gefallen.

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Am 4. und 5. Mai hast Du unten an der Treppe auf mich gewartet, lagst auf der roten Fußmatte vor der Haustür, begrüßtest mich, sagtest „Guten Morgen“. Nie wolltest Du Dich fotografieren lassen – bist immer weggerannt oder zu nahe rangekommen – doch ich habe es in diesen letzten Tagen immer wieder versucht und ein paar schöne Bilder sind doch dabei herausgekommen – ich danke Dir dafür.

Du lagst jetzt nur noch irgendwo am Boden herum, manchmal auf dem Parkett, meist auf dem Schafwollteppich, an Deinen Lieblingsplätzen, suchtest Entspannung, Ruhe und Schlaf, was immer weniger gelang. Immer wieder, immer öfter knurrtest Du laut vor Dich hin – das klang schon sehr nach heftigen Schmerzen und war kaum mit anzuhören. Auch die Tochter, die am Donnerstag abend gekommen war, war sehr unglücklich und voller Mitleid, Dich so zu sehen und zu erleben.

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Als die Tierärztin dann wie verabredet gestern – 05. Mai – mittag zu uns kam, haben wir uns bald geeinigt, dass wir Dich aus diesem Leiden erlösen und einschläfern.

Das war ganz schwer – und ist es auch immer noch. Du bist ganz ruhig eingeschlafen und dein liebes Katzenherz hörte rasch auf zu schlagen.

Als ich Dich dann – in Deine Kuscheldecke gehüllt – auf dem Schoß in meinen Armen hielt, fühltest Du Dich ganz anders an – die ganze Körperspannung war weg, Dein Bauch ganz weich, und es war fast,als trüge ich eine Wärmflasche, so viel Flüssigkeit war da in dir.

Wir haben Dich in einen Karton gebettet – schön in die Kuscheldecke hinein – und immer wieder Dich gestreichelt: Du warst noch so warm und so weich. Abends haben wir Dich dann ganz zu gedeckt, den Karton geschlossen und Dich neben dem Apfelbaum unter Erdbeeren und Vergissmeinnicht begraben. Eine Granitkatze ist nun Dein Gedenkstein.

Liebe Minusch, du hast Dich tief in mein Herz eingeschrieben, da bleibst Du für alle Zeit, genauso wie Mikesch, wie Muck (mein erster Kater, als ich 12 Jahre alt war) und wie all die anderen Katzen meines Lebens, die leider so oft überfahren oder auch gestohlen worden sind.

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Du hast mir blind vertraut, mir Dein Herz geöffnet – und fast immer habe ich Dich bestimmen lassen, wir nahe wir uns waren. Wenn ich zuviel wollte, etwa „die Katze auf den Arm nehmen“, endete das immer mit Kratzern. Du warst so stark!

Letzten Dienstag abend, 2. Mai, hast Du mir dann doch noch so 20 schöne Minuten mit Dir auf dem Schoß geschenkt, in denen Du Dich entspannt hast streicheln lassen. Ein Wunder – ein Geschenk – Danke, Minusch!

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